Grosszügiger werden
Die Hilfsorganisation Oxfam hat gerade ihren Bericht zur sozialen Ungleichheit veröffentlicht und stellt fest, dass im Jahr 2025 das Vermögen der Milliardäre um 2,5 Billionen US-Dollar angewachsen ist. Der Anstieg entspricht nahezu dem, was die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzt. Das skandalöse Gefälle zwischen arm und reich verschärft sich weiter, eine Trendwende ist nicht in Sicht.
Oft reagieren Leute auf solche Nachrichten resigniert mit den Worten: «Wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.» Der Satz stammt aus der Bibel, aus dem vierten Kapitel des Markusevangeliums. Das erscheint befremdlich, kennen wir Jesus sowie die frühen Christinnen und Christen doch als Vorbilder für ein solidarisches Miteinander. Die Bedeutung der Aussage verändert sich allerdings, wenn wir sie zusammen mit dem vorangehenden Vers lesen: «Nach dem Mass, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden, ja, es wird euch noch mehr gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben …»
Entscheidend ist, wie ich messe, welchen Wertemassstab ich an mich und andere anlege, und ebenso wie ich zuteile, wie ich die Dinge einsetze, die mir anvertraut sind. Angst vor Mangel und Verlust machen die Herzen eng, das Haben Müssen wird kein Ende nehmen. Können wir hingegen miteinander darauf vertrauen, dass für alle genug da ist, dann werden wir grosszügiger im Geben und Empfangen, ein lebendiger Austausch entsteht. Schauen wir in Gottes Natur: Ist sie in Balance, dann nehmen die Lebewesen gerade so viel, wie sie brauchen, und alles kann wieder nachwachsen. Wo aber mehr und mehr aus der Natur herausgepresst werden muss, nimmt die Lebensgrundlage Schaden. Heute verstehe ich den Bibelvers so: «Wer im Vertrauen auf die Fülle Gottes lebt, dem wird das Nötige zukommen; wer dieses Vertrauen nicht hat, der wird letztlich nichts festhalten können.»
