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Hartnäckiger Mechanismus

Jemanden zum Sündenbock zu machen bedeutet im landläufigen Verständnis, ihm Verantwortung und Schuld zuzuschieben für ein Unglück oder für einen Missstand, und damit abzulenken von den eigentlichen Gründen oder dem eigenen Versagen. In vielen Fällen betrifft das nicht bloss einzelne Personen, sondern ganze Volksgruppen und besonders Minderheiten, die weniger integriert erscheinen. Dieser Mechanismus funktioniert bis heute erschreckend gut, vermutlich weil er der ungerichteten Unzufriedenheit und Wut in der Gesellschaft ein Ziel gibt, an dem sich all die angestauten Gefühle entladen können.

Die Bezeichnung geht auf ein archaisches Ritual zurück, welches im Ersten Testament im Zusammenhang mit dem Versöhnungstag beschrieben wird: Einem Schafs- oder Ziegenbock sollen die Hände aufgelegt und über ihm alle Schuld und Frevel des Volkes bekannt werden. Danach soll das Tier in die Wüste geschickt werden, damit es die Verfehlungen mit sich in die Einöde trägt (vgl. Lev 16,21f). Zum vorher beschriebenen Mechanismus unterscheidet sich das Ritual wesentlich, weil sich hier die Menschen öffentlich zur eigenen Schuld bekennen.

Der Brand von Rom, Gemälde von Hubert Robert; Bild-quelle: Wikimedia Commons.
Der Brand von Rom, Gemälde von Hubert Robert; Bild-quelle: Wikimedia Commons.

Heute ist der Gedenktag der ersten heiligen Märtyrer der Stadt Rom. Er erinnert an die Verfolgung der ersten Christinnen und Christen in der Stadt unter Kaiser Nero. Im Juni des Jahres 64 verwüstete ein Brand grosse Teile von Rom und der Kaiser beschuldigte die junge christliche Gemeinschaft, liess Tausende festnehmen und in seinem Zirkus als Schauspiel für das Volk hinrichten. Er machte die Christgläubigen zu Sündenböcken für die Wut der Stadtbewohner.

Lässt sich der Sündenbock-Mechanismus überwinden? Dazu braucht es gemeinsames Bemühen und den Mut, offen zu eigenen Fehltritten zu stehen, Verantwortung zu tragen, auf Schuldzuschreibung und Vergeltung zu verzichten. (jr)