Email address protected by JavaScripthttps://bahnhofkirche.ch/wp-admin/admin.php?page=wpcode-snippet-manager

Hier bin ich

Als Seelsorger wird man manchmal mit konkreten Fragen zum Glauben konfrontiert. Z.B. mit der, wie man beten soll.

Darauf gibt es keine einzig richtige Antwort. Im Ersten Testament der Bibel, im Buch  1. Samuel, Kapitel 3, findet sich ein Text, der für mich in seiner archaischen Fremdheit etwas davon ausdrückt, was Beten sein kann. Er schildert die Berufung des jungen Israeliten Samuel zum Propheten.

Der Knabe dient dem Priester Eli in der Stiftshütte Israels. In dieser Hütte werden die beiden heiligen Steintafeln aufbewahrt, auf denen die von Gott verliehenen Zehn Gebote stehen.
Eines Nachts erwacht Samuel, weil er eine Stimme hört, die ihn beim Namen ruft. «Hier bin ich», antwortet er. Zuerst glaubt er, dass Eli ihn gerufen habe. Der aber weiss von nichts. Erst nachdem Samuel die Stimme zum dritten Mal gehört hat, wird deutlich, dass es Gott ist, der ruft.
Wieder antwortet Samuel mit «Hier bin ich» und erhält nun seine erste göttliche Weissagung als Prophet.

Dass Gott zu einem Menschen derart direkt sprechen sollte, erscheint heute fremd. Wir haben es mit einer mythologischen Erzählung zu tun.

Was mich daran beeindruckt, ist die Haltung Samuels, die sich in dem «Hier bin ich» ausdrückt.
Ich erkenne darin eine mögliche Gebetshaltung:

Beten hat gar nicht viel mit reden zu tun, sondern mit Präsenz; mit der Bereitschaft, zu hören und aufmerksam wahrzunehmen. Hier bin ich! Ganz und gar. Ganz im Moment.
Dann hört man vermutlich keine Stimme Gottes, aber vielleicht findet man Ruhe, gewinnt z.B. in einer herausfordernden Situation neuen Spielraum. Oder findet gar einen Umgang damit. Und den Mut zu handeln.

«Hier bin ich» kann ein Gebet sein, mit dem ich von mir loslasse, mich überlasse. Ein Gebet, durch das ich mich bewusst in den Wirkraum Gottes stelle. (mb)

Abb: Ernst Barlach, Der Asket, 1925