Im Kästchen
Ich bin reformiert. Dennoch verspüre ich eine gewisse Faszination für Reliquienschreine oder -kästchen, die etwas sehr Katholisches oder Orthodoxes sind.
Die prachtvoll ausgeschmückten Behältnisse sind Kunstwerke, oft mit wertvollen Materialen wie z.B. Edelsteinen versehen. Was sie beinhalten, geht dabei fast unter. Oft ist die Reliquie auch fast oder gar nicht zu sehen.
Das Stück Holz, das vom Kreuz Jesu stammen soll, der Knochensplitter vom Bein oder das Kleidungsstück einer Heiligen – als Gegenstände sind sie zuerst einmal unerheblich, ja fast nichtig. Zumal man dank wissenschaftlicher Forschung weiss, dass die meisten keine tatsächliche Verbindung mit Jesus oder einer heiligen Person haben können.

Erst der Glaube erhebt sie zu einem Zeichen für ein Geschehnis oder einen bedeutsamen Menschen der christlichen Geschichte. Er stellt die Verbindung zu diesen her. Er macht sie kostbar. Dadurch werden sie zum Zeichen für die Gegenwart Gottes in der Welt. Und ihre Inszenierung durch die kunstvoll hergestellten Behältnisse gibt diesem Glauben eine sichtbare Form.
Das Reliquienkästchen macht die Reliquie zum Geheimnis: Das Eigentliche bleibt unsichtbar, ist im Letzten nicht zu fassen. Es ist auch nicht wirklich im Kästchen, sondern geschieht in mir, an mir, im Glauben. Genau dies aber verbindet die katholische und orthodoxe Reliquienfrömmigkeit mit einer umfassenderen menschlichen Spiritualität: Das Geheimnis des Göttlichen ist unergründlich und entzieht sich unserem Zugriff. (mb)
Abb: Reliquienkästchen mit den Heiligen Drei Königen, Limoges, Frankreich, um 1200. Nationalmuseum von Dänemark, Kopenhagen