Im selben Boot sitzen
Die bretonische Insel Île-de-Sein liegt extrem exponiert knappe 10 km vor Frankreichs westlichstem Zipfel im Atlantik. Hier ist die See oft rau. Sturmfluten sind häufig. Die Bewohner:innen leben seit jeher vom Fischfang, neuerdings auch vom Tourismus. Sie leben vom und mit dem Meer.
In der kleinen Kirche findet sich das hier abgebildete Fenster. Männer in einem Boot, die für die Region typische Mützen tragen. Grosse Hände, die zupacken können. Kantige, ernste Gesichter. Niemand spricht. Man ahnt: Das sind Leute von der Insel.
Ganz hinten, mit Heiligenschein, ein weiterer Mann. Auch er im selben roten Gewand, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, ernst und schweigend. Aber er hat seine Hand zu einer Segensgeste geformt.
Vermutlich handelt es sich um eine Darstellung der biblischen Geschichte von der Stillung des Seesturms. Sie erzählt, wie Jesus mit seinen Jüngern in einen heftigen Sturm gerät, der ihr Boot aufs Ärgste bedroht. Die Jünger wecken den schlafenden Jesus, er steht auf und gebietet Wind und Wellen Einhalt.
Die Geschichte ist den Menschen auf der Insel nahe. Sie kennen das: Sturm, bedrohliche Wellen, Gefahr. Das Kirchenfenster zeigt Jesus als einen, der wie sie ist. Im wahrsten Sinn des Wortes sitzt er im selben Boot mit ihnen.
Wenn man draussen auf dem Meer ist, kann man sich wohl sehr allein fühlen. Man ist – trotz aller technischer Fortschritte heutiger Schiffe – extrem ausgesetzt.
Die Zusage der biblischen Erzählung und des Kirchenfensters lautet: Auch in Bedrohung und Einsamkeit ist man nicht allein. Wie damals bei den Jüngern sitzt Jesus – jetzt als geistige Kraft und damit nur im übertragenen Sinn – im selben Boot.
Zugespitzt ist dies im allerletzten Satz des Matthäusevangeliums ausgedrückt. Dort sagt der Auferstandene: «Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.»
Abb: Kirchenfenster Kirche Saint-Guénolé, Île-de-Sein, Frankreich. Foto: Privat
