Im Tuch

Zwei Engel, die einen betenden Menschen in einem Tuch tragen.
Eine mittelalterliche Darstellung, die ursprünglich den Sarkophag eines gläubigen Menschen verzierte. Sie ist beschädigt.

Die kunstvolle Arbeit symbolisiert die Hoffnung der Christ:innen zur damaligen Zeit: Nach dem Tod steigt die Seele zu Gott auf. Gottes Engel tragen sie behutsam, beschützen sie und bringen sie ins Heil.

Ja, irgendwie ist das naiv und kindlich.
Und: Irgendwie ist das Trost.

Ich stelle mir vor, wie ich mit meinem zusammenstürzenden Körper ringe.
Er raubt mir den Atem. Mein Herz pocht verzweifelt gegen seinen Stillstand an. Das Denken verfängt sich in Watte. Es stockt. Alles in mir ist diffus.

Und dann – der unendlich einsame, schwerfällige Schritt aus dem Schlamm des Sterbens ins Leer. Niemand kommt mit. Ich bin mutterseelenallein.

Und – jäh, fraglos: die beiden. Sie betten mich sorgsam in ihr grosses Tuch. Weich. Und fest. Eine Wiege. Sie träufeln mir Licht auf die müde Zunge. Eine endlose Ruhe kommt über mich. Ich sinke zurück – sinke an den Ursprung. Sein Name ist Gott. Gott ist ein Wort. Er ist mehr als das Wort.

Abb: Fragment des Grabes von Guillaume de Norville, frühes 14. Jh, Musée du Louvre, Paris. Foto: Privat