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Im Zweifelsfall Liebe

«Niemand hat Gott je geschaut. Wenn wir aber einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist unter uns zur Vollendung gekommen.» (1. Johannesbrief, Kap. 4, Vers 12)

Die Aussage dieses Bibelverses ist einfach: Wenn es um Erkenntnis geht, ums «Schauen», bleibt Gott uns Menschen unverfügbar. Weil wir Gott nicht sehen können, bleibt alles, was wir über ihn / sie sagen, relativ und bestreitbar.
Zum Grundkonsens der meisten Religionen gehören gleichzeitig der Glaube, dass Gott die Menschen liebt, und die Erfahrung, dass wir fähig sind, zu lieben.
Also geht es darum, in aller Relativität unserer Erkenntnis der Liebe Raum zu geben; sie zu empfangen und weiterzugeben. Nicht Wissen verbindet uns mit Gott, sondern Liebe.

Ich finde diesen Satz für das Nachdenken über Ökumene und die interreligiöse Zusammenarbeit anregend:

Eine Glaubensgemeinschaft muss für sich definieren, welche Grundannahmen für sie unumstösslich sind und welche Werte sie vertritt. Deshalb muss sie auch klären, wann diese Werte und Annahmen verletzt werden und unter welchen Bedingungen ein Mensch nicht (mehr) zur Gemeinschaft gehören kann.

Für uns Kirchen sagt mir der Bibelvers, dass wir unsere Dächer so weit wie möglich spannen sollten, sodass viele darunter Platz haben. Glaubende Menschen sollten sich als Suchende und Tastende verstehen, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit von Gott geliebt wissen und deshalb versuchen, einander in Liebe und Respekt zu begegnen.

Worum geht es eigentlich, wenn wir jemanden von einer religiösen Feier oder unserer Gemeinschaft ausschliessen? Schützen wir damit wirklich Wahrheiten? Oder nur unsere Macht? Oder die eigene Angst vor der Vielfalt des Lebens und der Relativität unserer Erkenntnis?

Im Zweifelsfall sollten wir auf Liebe setzen, nicht auf vermeintliche Wahrheiten. (mb)

Abb: Bahnhofkirche Zürich. Foto: Manuela Matt, 2020