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Imitieren oder kreieren

Die Künstliche Intelligenz hat so grosse Fortschritte gemacht, dass mit ihrer Hilfe Musikstücke herstellen werden, die von menschengemachter Musik so gut wie nicht mehr unterscheidbar sind. Künstlich erstellte Titel nehmen auf den Streaming Plattformen inzwischen einen grossen Anteil ein und die Unternehmen arbeiten an Gegenmassnahmen wie einer deutlicheren Deklaration.

Khn de Poitrine bei einem Auftritt im April 2026
Khn de Poitrine bei einem Auftritt im April 2026; Bildquelle: Wikimedia Commons

Während bereits vom Ende der persönlich komponierten Unterhaltungsmusik gesprochen wird, halten einzelne Künstler:innen etwas dagegen. Wer sich für moderne Rockmusik interessiert, hat vielleicht schon vom kanadischen Musikerduo «Angine de Poitrine» gehört. Ihr Auftreten ist bizarr: Ganz schwarz-weiss gepunktet und mit skurrilen Masken lassen sie ihre Person hinter der Aufführung zurücktreten, nennen sich «Khn» und «Klek». Ihre Musik mag im ersten Moment chaotisch, schräg und wiederholend klingen. Wer genau hinhört, wird die vielschichtige, polyrhythmische und mikrotonale Struktur der Stücke wahrnehmen und sich vom Sog ihrer Musik mitreissen lassen. Schon gelten sie als menschlicher Gegenentwurf zur künstlich erstellten Mainstream-Musik.

Die menschliche Kreativität wird immer wieder herausgefordert. Um die Wende zum 20. Jahrhundert breitete sich die Fotografie aus, eine geniale Erfindung und zugleich Bedrohung für die Malerei, da sie die Dinge realistischer abbildete als jedes Gemälde. Paul Klees Antwort darauf war: «Kunst gibt nicht Sichtbares wieder, sondern macht sichtbar», und es entstanden neue Kunstrichtungen. Heute stellt die Künstliche Intelligenz eine Herausforderung dar. Beim Sammeln, Vergleichen und Nachahmen ist sie nützlich und übertrifft inzwischen den Menschen. Beim Erschaffen von wirklich Neuem stösst sie an Grenzen. Die Schöpferkraft des Menschen ist unser Anteil am Göttlichen. Sie kommt bei denjenigen zum Zuge, die sich nicht mit dem Imitieren begnügen und den Mut haben, aus sich heraus etwas Neues und Unerwartetes in die Welt zu bringen. (jr)