Immersiv
Heutzutage können Spielende sich eine 3D-Brille aufsetzen und in einer virtuellen Realität zum Beispiel als Piraten in einer Seeschlacht mitkämpfen. Besucherinnen und Besucher von Räumen mit 360°-Projektionen können historischen Ereignissen beiwohnen oder ganz in weltbekannte Kunstwerke eintauchen. Man nennt das immersive Erlebnisse: Durch moderne technische Hilfsmittel erzeugte Szenerien wirken so auf die Sinne ein, dass die Betrachtenden sich ganz als Teil der simulierten Situation fühlen. Die Sinneseindrücke machen die eigentliche Realität für eine Weile vollkommen vergessen.
Könnte das Geheimnis von Weihnachten, die Menschwerdung Gottes – aus der göttlichen Perspektive betrachtet – so etwas wie ein immersives Erlebnis sein? Der Ewige und Allumfassende begibt sich in Raum und Zeit, in konkrete geschichtliche Zusammenhänge, erlebt Geburt und Mangel, Flüchtlingsdasein und Unverständnis, schliesslich Anfeindung und einen gewaltsamen Tod. Wäre dies alles für jemanden, der die Ewigkeit gewohnt ist, nicht bloss wie ein unbedeutender Wimpernschlag? Wenn Gott die Menschwerdung allerdings als eine immersive Erfahrung erlebt, wenn er so sehr eintaucht, dass er seine Göttlichkeit sozusagen vergisst, dann wird Gott zu einem wahrhaft Mitlebenden und Mitleidenden.
Wir sind nicht nur von dieser Welt und wir sind Kinder des Göttlichen: Daran werden wir durch Jesu Worte noch und noch erinnert. Von diesem Glauben beseelt und durchdrungen werden wir Schweres tragen und Berge versetzen können, denn wir wissen uns einer grösseren Realität zugehörig. Im antiken Taufritus wurden die Taufwilligen ganz unter Wasser getaucht. Es könnte als Zeichen dafür gemeint sein, dass wir im immersiven Erleben einer unvollkommenen Welt bereits die Perspektive der göttlichen Realität in uns tragen.
