In der Mitte leer
Auf meiner im Weg-Wort vom 4. März erwähnten Reise durch Laos habe ich auch Einblick in animistische Weltanschauungen erhalten. Im Animismus rechnet man mit der Existenz von Geistern. Sie sind Teil der Wirklichkeit.
In den Dörfern eines Volkes im Süden des Landes z.B. steht jeweils in der Mitte ein grosses, verziertes Holzhaus. Rundherum gibt es viel Platz, Kinder spielen dort. Es ist so etwas wie der Dorfplatz. Das grosse Haus steht leer. Niemand geht dort hinein. Im Verständnis der Menschen wird es von den Dorfgeistern bewohnt. Nur an wenigen feierlichen Anlässen im Jahr darf man es betreten.

Auch wenn ich die Funktion des Hauses nur in Ansätzen verstanden habe und mir selbst der Glaube an Geister fremd ist, so hat mich etwas sehr beeindruckt, nämlich der Umstand, dass es mitten im Alltag des Dorflebens einen Raum gibt, der prominent anzeigt: Unsere Existenz erschöpft sich nicht in dem, was wir mit unseren Sinnen erfassen; und auch nicht in den Menschen, mit denen wir gerade zusammenleben. Leben ist mehr als das. Mitten im Alltag des Dorfes gibt es diese Leerstelle des unbetretbaren Hauses, die darauf hinweist.
Unsere eigene Lebenswirklichkeit ist stark von Mobilität, Konsum und Unterhaltung geprägt. In der Mitte unserer Städte oder Dörfer stehen Bahnhöfe, Einkaufszentren, Banken… und – aus historischen Gründen – meist auch Kirchen.
In gewisser Weise erfüllen Kirchen für uns eine ähnliche Funktion wie die Geisterhäuser in Laos – auch wenn wir sie betreten dürfen: In ihnen muss ich nichts kaufen oder leisten. Wenn sie denn geöffnet sind, so kann ich in ihnen einfach sein: Still sitzen, meditieren, beten. Sie stehen quer zur Zweckorientierung der meisten anderen Bauten. Und sie stehen für etwas, worüber ich nicht verfügen kann – für Gott. In diesem Sinne sind auch sie Leerstellen und weisen über das hinaus, was ich erfassen und erklären kann.
Abb: Geisterhaus, Bolaven-Plateau, Laos. Foto: Privat