In zwei Zeiten leben
24.12., 1.1., 6.1. – das sind Daten, die man in unseren Breitengraden sofort mit besonderen Geschehnissen verbindet: Heiligabend, Neujahr, Dreikönigstag. Hinter der abstrakten Zahlenkombination stehen Bedeutungen und Erinnerungen. Oder es gibt Tage wie den 11.9.2001, die mit einem historischen Ereignis verbunden sind.
Die weitaus meisten Daten jedoch haben für uns keine besondere Relevanz. Es sind Tage, an die wir uns nicht erinnern.
Der japanische Künstler On Kawara hat diesen Sachverhalt zum Thema eines Langzeitprojekts gemacht. Von 1966 bis 2014 hat er jeden Tag ein formal beinahe identisches Bild gemalt: Es beinhaltete das Datum des Tages auf einem einfarbigen Hintergrund. Nichts anderes. In den frühen Jahren hat der Künstler zum Gemälde jeweils noch die Titelseite einer Tageszeitung aus dem Land hinzugefügt, in dem er sich gerade aufhielt.
Eine ganze Reihe dieser Werke habe ich in einer Ausstellung gesehen. Es war beeindruckend, die Diskrepanz zu erleben, die sich zwischen den beiden Darstellungsformen ergab. Das nur aus Zahlen bestehende Datum hielt nüchtern eine definierte Spanne im Ablauf der Zeit fest. Genau diese Spanne aber wurde zur erfahrenen, mit Ereignissen gefüllten Zeit, wenn man die Zeitungsseite anschaute.

Für mich wurde dadurch greifbar, wie sehr ich in parallelen Zeitwahrnehmungen lebe, die beide ihre Bedeutung haben. Mit einer bemessenen Zeit, mittels derer ich z.B. Termine plane oder Arbeitszeit erfasse, und mit einer qualitativen Zeit, in der ich Begegnungen erlebe oder mich ein Weltereignis in seinen Bann zieht.
Mich offen zu halten für genau solche Erlebnisse macht meine Zeit reich und erfüllt sie mit Sinn. Aber das Bewusstsein für den nüchternen Verlauf der Zeit hilft mir, diese Ereignisse zu relativieren. Alle haben einen Anfang und ein Ende. Ein Krieg endet irgendwann. Das kann trösten. Aber auch das Glück der frischen Verliebtheit wird nicht andauern. Es gilt, sie bewusst und intensiv zu erleben.
Abb: On Kawara: Consciousness. Meditation. Watcher on the Hills, 2004, Institute of Contemporary Arts Singapore. Foto: ICAS Curator, Wikimedia Commons