indes vielleicht eines tages
Ernst Jandl war ein Autor, der vor allem mit experimenteller Lyrik bekannt wurde. Der Klang der Sprache und die Qualität ihrer Laute waren sein Material. Er verformte und zersetzte Worte und Sätze und verlieh ihnen damit überraschende Schärfe. Seine Texte leben von hintergründiger Ironie. Stark vom Katholizismus geprägt, setzte sich Jandl auch mit der Kirche und dem Glauben auseinander. Das folgende Gedicht ist ein Beispiel dafür:
an gott / dass an gott geglaubt einstens er habe / fürwahr er das könne nicht sagen / es sei einfach gewesen gott da / und dann nicht mehr gewesen gott da / und dazwischen sei garnichts gewesen / jetzt aber er müsste sich plagen / wenn jetzt an gott glauben er wollte / garantieren für ihn könnte niemand / indes vielleicht eines tages / werde einfach gott wieder da sein / und garnichts gewesen dazwischen
Man kann dieses Gedicht im Sinne einer Glaubensbiografie verstehen, wie viele Menschen sie erleben: Als Kind war der Glauben keine Frage, Gottes Existenz wurde einfach vorausgesetzt. Man lebte mit dem, was einem vermittelt wurde. Irgendwann ging diese Selbstverständlichkeit verloren. Das kritische Denken setzte ein, man überprüfte, ob sein konnte, was einem vorgegeben worden war. Und plötzlich war Gott weg.
Und so ist es geblieben: „jetzt aber er müsste sich plagen / wenn jetzt an gott glauben er wollte».
Nicht zufällig wird das Jetzt in diesen Zeilen so stark betont, denn Jandl ist Zweifler genug, um nicht auch an seinem kritischen Denken zu zweifeln. Kann es sein, dass sich die Wirklichkeitswahrnehmung nochmals ändern wird? Ist es möglich, dass Gott eines Tages wieder da ist? In neuer Selbstverständlichkeit?
Wahrscheinlich ist das so: Wer neugierig und wach durchs Leben geht, ist mit der Frage nach Gott nie fertig.
Abb: Wien, Zentralfriedhof, Ehrengrab, Ernst Jandl. Foto: Rüdiger Wölk, 2004. Wikimedia Commons
