Jeden Tag neu
Am Anfang der Bibel findet sich eine Erzählung über die Erschaffung der Welt durch Gott in sieben Tagen. Schnell wird klar, dass sich dieser Text nicht als «Erklärung» versteht, wie die Welt entstanden ist, sondern als Glaubenstext. Seine Aussage ist, dass der Welt eine gute Ordnung zugrunde liegt. So wie es für die Menschen ein guter Rhythmus ist, sechs Tage aktiv zu sein und einen Tag der Ruhe, dem Feiern und Gott zu widmen, so ist der ganzen Welt ein Rhythmus von Aktivität und Ruhe eingeschrieben: Wachen und schlafen, wachsen, blühen und Frucht bringen, Tag und Nacht. So ist auch Gott selbst, sagt der Text: Sechs Tage Aktivität, ein Tag ruhen. Es ist Gottes Rhythmus, Gottes Ordnung. Schon immer.
Den Menschen zu biblischen Zeiten war bekannt, dass die Welt sich in einem kontinuierlichen Prozess befindet, dass die Schöpfung nichts Abgeschlossenes ist, sondern Neuschöpfung fortwährend geschieht.
«Gras lässt er [Gott] sprossen für das Vieh und Kraut dem Menschen zunutze, damit er Brot hervorbringe aus der Erde und Wein, der des Menschen Herz erfreut.»
So heisst es im Psalm 104.

Das Lied «Morning has broken», das durch den Sänger Cat Stevens bekannt wurde, feiert voller Ehrfurcht und Hingabe das Erwachen des neuen Tages als ein Wunder, als Neuschöpfung der Welt. Eine Strophe lautet:
«Mein ist das Sonnenlicht, mein ist der Morgen, geboren aus dem einen Licht, das Eden spielen sah. Lobt mit Jubel, lobt jeden Morgen, Gottes Neuschöpfung des neuen Tages.»
An die Schöpfung glauben heisst nicht, für wahr zu halten, dass die Welt in sieben Tagen entstanden ist. Es heisst, sich staunend und dankbar als Teil dieser Welt zu erleben und auf ihr Gutsein zu vertrauen. (mb)
Abb: Morgenstimmung am Wilden See, Nationalpark Schwarzwald, Deutschland. Foto: Luis Scheuermann, 2017. Wikimedia Commons