Jö!
Abbildungen von niedlichen und flauschigen Jungtieren stehen in den sozialen Medien besonders hoch im Kurs. Verspielte Kätzchen, treuherzig in die Welt blickende Welpen, lebenslustig herumspringende Geisslein oder Lämmlein, staksige Fohlen und dergleichen finden sich in unzähligen Varianten auf Instagram, Tiktok und all den anderen Plattformen.
Solche Bilder strahlen Unschuld und Schutzbedürftigkeit aus – und sie machen etwas mit uns. Mich bringen sie jeweils zum Schmunzeln, ein warmes Gefühl entwickelt sich in meiner Brust, das Herz öffnet sich und manchmal erweckt der Anblick so etwas wie einen Beschützerinstinkt. Im schweizerischen Sprachgebrauch hat sich für diese Reaktionen eine treffende Bezeichnung eingebürgert: der Jö-Effekt.
Es sind angenehme und erwünschte Gefühle, die solche Tierfotos auslösen. Das mag die Flut dieser Abbildungen erklären, welche auf die verschiedenen Plattformen hochgeladen werden. Vielleicht stellen sie ein nötiges Gegengewicht dar zu den unerfreulichen und erschreckenden Nachrichten, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden.
Häufig sind es junge Menschen, welche solche Tierbilder teilen, und dahinter kann ich eine Sehnsucht entdecken: dass das Leben mehr sein möge als ödes Funktionieren, kaltherziges Kalkulieren und dem eigenen Vorteil Hinterherrennen. Zum Menschsein gehört auch, sich zu kümmern, Verbundenheit zu erleben, sich am Schönen zu erfreuen, menschliche Wärme zu schenken und zu empfangen. In diesem Sinn können die Darstellungen der herzigen Tiere mehr sein als ein billiger Ersatz, nämlich eine Erinnerung daran, dass diese menschlichen Regungen in uns lebendig und wirksam sein wollen.
