Kanzeon
Auf dem Friedhof Nordheim in Zürich gibt es ein Grabfeld für Buddhist:innen. In dessen Mitte findet sich ein Keramikrelief mit der Figur des Bodhisattva Kanzeon.
Nach buddhistischem Verständnis sind Bodhisattvas Menschen, die zur Erleuchtung gekommen sind und aus dem Kreislauf der Wiedergeburten austreten würden, also erlöst wären. Aus Liebe zu ihren Mitmenschen entscheiden sie sich jedoch, in der Weltwirklichkeit zu bleiben, um anderen zu helfen. Sie sind menschgewordener Ausdruck höchster Nächstenliebe.
Von Kanzeon heisst es insbesondere, er habe die Hilferufe und Seufzer der Menschen gehört. Er wollte sie nicht im Stich lassen.
So bedeutet sein Name wörtlich: Wahrnehmen der Klage und der Seufzer der Welt.
Auf einem Friedhof wird selten vor Trauer und Schmerz laut geschrien oder gejammert. Er ist jedoch voll von stillen Seufzern, stumm fliessenden Tränen, schwerem Atmen ob der Sehnsucht nach dem verstorbenen Menschen.
So ist es tröstlich, sich dem Bodhisattva anvertrauen zu können, der auch diese kaum vernehmbaren Regungen wahrnimmt; darauf zu vertrauen, dass man gegen den Anschein gehört und gesehen wird.
Das erinnert an das Jesuswort im Matthäusevangelium:
Kommt zu mir, all ihr Geplagten und Beladenen: Ich will euch erquicken. (Mt 11,28)
Jesus aber ist nach christlichem Verständnis der menschgewordene Ausdruck der göttlichen Liebe. (mb)
Abb: Statue des Kanzeon Bodhisattva, Zōjō-ji Tempel, Tokyo. Foto: PhOkin, 2019. Wikimedia Commons
