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Kein Bildnis machen

Karin Keller-Sutter verkörpert eine Macht, die viele provoziert. Als Bundesrätin bewegt sie sich in einem Spannungsfeld, in dem ihr oft mit subtilem Sexismus begegnet wird: Mal wird sie als „Eiserne Lady“ überhöht, mal wird ihre Professionalität als Mangel an Empathie umgedeutet. Während männliche Härte oft als Souveränität gilt, wird ihre Kompetenz diskursiv gegen ihr Geschlecht ausgespielt. Auf dem Paradeplatz steht derzeit ein Bildnis von ihr, das bereits dreimal von Vandalen verschmiert wurde.

Hier zeigt sich die Problematik des „Jemand-Seins“: Um im politischen Gefüge stattzufinden, muss sie eine Maske tragen, die Sichtbarkeit garantiert, aber das Individuum verbirgt. Es ist der Zwang, eine öffentliche Figur zu „sein“, während man als Mensch jemand anderes „ist“. Der Schriftsteller Max Frisch knüpfte mit seinem Diktum „Du sollst dir kein Bildnis machen“ direkt an das alttestamentarische Gebot aus Exodus 20 an. Doch während die Bibel das Bilderverbot auf Gott bezieht, um dessen Unverfügbarkeit zu schützen, überträgt Frisch es auf die zwischenmenschliche Liebe und das soziale Leben.

Ein Bildnis ist für Frisch ein Akt der Lieblosigkeit, eine Festlegung, die das Gegenüber lebendig begräbt. Heute verlangt das öffentliche Leben jedoch genau diese Sünde: die totale Definition. Wer sichtbar sein will, muss zum Standbild seiner selbst werden. Keller-Sutter steht symbolisch für diesen Kampf: Sie muss die Maske der Unnahbarkeit wahren, um in einer sexistischen Struktur zu bestehen, während sie gleichzeitig Gefahr läuft, hinter dem Bildnis, das sich die Öffentlichkeit von ihr macht, als Mensch unsichtbar zu werden. Das biblische Verbot wird so zum existenziellen Schutzraum gegen die Gier der Welt nach Eindeutigkeit.

Bild: C.Walti

Wo machen wir uns Bilder? Wo sogar von uns selbst? Wo können wir sie loslassen, den Kopf von ihnen freimachen und andere und uns selbst ungehindert durch sie anschauen? (cw)