Kinder und Narren sagen die Wahrheit

Ich erinnere mich noch genau an jenen Sonntag im Frühling 1968, als ich meinen Vater auf seinem Gang zur Predigt nach Trans im Bündnerischen Domleschg begleitet habe. Vom hochgelegenen Dorf aus eröffnet sich ein herrlicher Blick über das ganze Tal. Auf der gegenüberliegenden Talseite staute sich kurz nach der Eröffnung des San Bernardino Tunnels der Verkehr von Rothenbrunnen bis nach Thusis. Das beschäftigte mich. Denn kurz zuvor hatte sich ein Mann im Nachbardorf durch das Einatmen des Auspuffgases seines VW umgebracht. Und so fragte ich meinen Papa: Wenn sich ein Mensch durch das Abgasgift eines Autos töten kann, werden wir dann nicht alle eines Tages daran sterben, wenn Millionen von Autos rund um die Welt die Luft verpesten?

Technologiefreundlich und, wie damals üblich, noch ohne jedes Umweltbewusstsein, beschwichtigte mich mein Papa mit den Worten: Keine Sorge, mein Bub. Die Erde ist gross und die sie umgebende Lufthülle riesig. Da verteilen sich die giftigen Gase ohne schädliche Auswirkungen.

Am vergangenen Freitag endete die Klimakonferenz im brasilianischen Belem erneut ohne ermutigende, zukunftweisende Entscheide. Nicht mehr mit dabei die USA als eine der Hauptemittenten klimaschädlicher Gase. Um die Wirtschaft von allen klimaschonenden Massnahmen zu entbinden, leugnet Donald Trump gegen alle Daten und Fakten der Wissenschaftsgemeinde den schädlichen Einfluss des Menschen auf das Weltklima. In seinem Windschatten hat sich in Belem einmal mehr die weltweit einflussreiche, billionenschwere Öl- und Kohlenlobby durchgesetzt.

All dies kommt mir vor wie damals auf der am Eisberg Leck geschlagenen Titanic: Verdrängen, verleugnen, blindstellen und auf Deck tanzen, bis das Wasser aus den Posaunen und Trompeten gurgelt.

Die Frage sei erlaubt: Wie wohl sähe die Erde heute aus, wenn man vor 60 Jahren der Logik und Intuition eines Kindes Gehör geschenkt hätte, und nicht, wie bis dato, allein der blinden Logik ungebremsten Wachstums gefolgt wäre?

Manchmal sagen Kinder und Narren sehr wohl die Wahrheit.

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