Kirchen für Zweifler

Das Bild zu diesem Weg-Wort zeigt den Apostel Thomas aus dem Neuen Testament. Es befindet sich über dem Eingang der Thomaskirche in Liebefeld bei Bern. Der Maler und Grafiker Hans Jegerlehner hat es geschaffen.
Das Werk ist aufs Wesentliche reduziert: Das Gesicht des Thomas und die Hand des Jesus. Im Gesicht fallen die Augen auf: Weit geöffnet sind sie, und es ist ein fast stechender Blick auf die Hand. Jesu Hand zeigt deutlich die Verletzung durch die Kreuzigung.
Thomas wird hier als jemand dargestellt, der genau hinsieht. Einer, der überprüft, was ihm vorgelegt wird.

So erzählt es auch der biblische Text: Thomas bezweifelt, was die anderen Jünger sagen, nämlich, dass Jesus nach dem Tod auferstanden sei und lebe. Er will nicht nur Jesus selbst sehen, sondern auch die Wunden der Kreuzigung.

So stehen diese weit geöffneten Augen auch für das menschliche Bedürfnis nach Erkenntnis. Und zur Erkenntnis gehören Skepsis und Zweifel: Nicht schnell etwas glauben, sondern nach- und hinterfragen. Aber genauso gehört das Erstaunen dazu, wenn sich etwas als wahr oder glaubhaft erweist. Auch dieses Staunen ist im Bild zu sehen.

Es ist sinnig, dass Kirchen dem Zweifler Thomas gewidmet sind. Denn die Suche nach Erkenntnis, das Befragen scheinbarer Gewissheiten und das genaue Nachdenken gehören zum Glauben. Gottesvertrauen und Hoffnung sind nicht ohne Zweifel zu haben. Und Kirchen sind dann glaubwürdig, wenn sie sich selbst immer neu kritisch überprüfen.
Fragende und suchende Menschen waren bei Jesus willkommen. Sie sollten es auch in der Kirche sein.

Abb: Hans Jegerlehner, Apostel Thomas, Thomaskirche Liebefeld, 1967. Foto: Foto Neuenschwander, Liebefeld