Komplet

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Es war ein langer Tag. Zuerst sieben Stunden in der Bahnhofkirche Zürich, dann einkaufen und schliesslich zwei mehrstündige Seelsorgegespräche. Als ich nach Hause kam, war ich so müde, dass selbst die einfachsten Handgriffe nicht mehr selbstverständlich waren. Bevor ich ins Bett ging, wollte ich noch die Komplet, das Nachtgebet der Kirche beten.

In der App «Stundenbuch» standen die vertrauten Gebetszeiten: Laudes, Lesehore, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. Ich tippte auf die Laudes, schliesslich war es draussen dunkel und ich bete die Laudes oft noch vor dem Sonnenaufgang. Erst dann realisierte ich: Die Laudes gehören zum Morgen. Die Komplet an das Ende des Tages. Und jetzt war definitiv Abend. Da wusste ich endgültig, wie müde ich war. Und ich musste über mich selber schmunzeln.

Nun: Diesen Irrtum könnte man grosszügig auch als ein Gebet betrachten. Denn vor Gott müssen wir nicht immer gesammelt, klar und aufmerksam erscheinen. Wir dürfen auch erschöpft sein, zerstreut und etwas neben der Spur.

Die Laudes loben den neuen Morgen, die Komplet legt den vergangenen Tag in Gottes Hände. Und beides hat denselben Grund: Wir leben aus einer Zeit, die wir nicht selbst machen. Jeder Morgen wird uns geschenkt, jeder Abend nimmt uns wieder auf.

Nicht ich muss alles zu Ende bringen. Nicht einmal mein Gebet muss vollkommen sein. Es genügt, sich Gott zuzuwenden und zu sagen: Hier bin ich. Müde. Dankbar. Etwas verpeilt. Und dann darf der Tag enden. (ve)