Künstliche Intelligenz – Segen und/oder Fluch?

Kürzlich hat mich ein Freund nach meiner Einstellung zur Künstlichen Intelligenz (KI) gefragt. Ich antwortete unter Zuhilfenahme eines Textes aus Platons Dialog Phaidros. Darin wird der weise Sokrates nach seinem Urteil über die Schriftkultur befragt. Seine vor 2’500 Jahren vorgetragenen Bedenken sind eins zu eins übertragbar auf die derzeitige Debatte rund um Segen und Fluch der KI. Hier die Textpassage aus dem Phaidros:

Sokrates: In Ägypten lebte der Gott Ammon. Er erfand die Arithmetik, die Logik, die Geometrie und Astronomie, das Brett- und Würfelspiel, vor allem aber die Schrift. Eines Tages nun kam der Gott zu Thamos, dem ägyptischen König, und pries ihm seine Erfindungen an. Der König fragte Thamos nach dem Nutzen der Erfindungen und brachte Argumente für und wider vor. Als es um die Schrift ging, rief der Gott gleich: «König, wenn deine Ägypter die Schrift lernen, dann werden sie intelligenter sein und ein besseres Gedächtnis haben. Mit der Schrift habe ich ein Mittel für beides gefunden: für die Weisheit und das Gedächtnis!» Der König erwiderte: «O du kluger Ammon, eine Kunst erfinden und den Nutzen und den Schaden berechnen, das ist nicht dasselbe… Wer die Schrift gelernt haben wird, in dessen Seele wird zugleich mit ihr viel Vergesslichkeit kommen, denn er wird das Gedächtnis vernachlässigen. Im Vertrauen auf die Schrift werden sich von nun an die Menschen an fremde Zeichen und nicht mehr aus sich selbst erinnern. Ammon, du hast ein Mittel für die Erinnerung aber nicht für das Gedächtnis gefunden… Du beschwörst uns mit deiner Erfindung ein geschwätziges Geschlecht, ein Geschlecht von Scheinwissen, ein Geschlecht, das kein wahres Wissen mehr hat.»

Liebe Leserin, lieber Leser: Ersetzen Sie im obigen Text das Wort «Schrift» durch «Künstliche Intelligenz» und sie werden eine Reihe starker kritischer Argumente in der gegenwärtigen KI-Debatte auf Ihrer Seite wissen.

Bildquelle:  wikipedia