Küssen

Im Lukasevangelium findet sich das Gleichnis vom barmherzigen Vater:
Ein junger Mann bittet seinen Vater um das ihm zustehende Erbe. Dann zieht er in die Ferne. Er lebt «in Saus und Braus» und gibt viel Geld aus. Nun kommt eine Hungersnot, die ihn ins Elend stürzt. Er endet als Schweinehirt in höchster Armut. So entscheidet er sich, heimzukehren und darum zu bitten, als Taglöhner eingestellt zu werden. Der Vater sieht ihn schon von Weitem, fällt ihm um den Hals, lässt ihn neu einkleiden und veranstaltet ein Fest. (Lukasevangelium 15,11 – 32)

In der biblischen Forschung vertritt eine Mehrheit der Fachleute die Meinung, zumindest der Kern dieser Erzählung gehe direkt auf Jesus zurück.

Für mich fasst sie in betörend einfacher und klarer Weise zusammen, was die Botschaft Jesu war – und was nicht.

Es ist unbestritten, dass das Gleichnis das Verhältnis zwischen Gott – der als Vater dargestellt wird – und den Menschen (der Sohn) beschreibt.
Es erzählt, dass ich mich als Mensch ins Leben hinauswagen darf, mit allem, was ich von Gott mitbekommen habe. Dass ich von Gott in die Freiheit entlassen bin und mich ausprobieren darf.
Wer lebt, wird über Grenzen gehen und sich – manchmal auch anderen – schaden. Wer lebt, wird manchmal scheitern. Und es gibt Situationen, denen man ausgeliefert ist und die in die Krise führen. Vielleicht landet man ganz unten. Vielleicht fühlt man sich dann schmutzig, würde- und wertlos.

Wie verhält sich Gott dann zu mir? Im Text heisst es, er falle dem Sohn um den Hals und küsse ihn.
Welch ein Gottesbild!

Und nichts lese ich davon, dass Gott erzürnt ist durch die Fehler der Menschen, dass seine Ehre verletzt ist durch Ungehorsam, oder gar, dass er ein Opfer brauche, um die Beziehung zur sündigen Menschheit wieder herstellen zu können.

Von solch einem Gott wusste Jesus nicht.
Sein Gott liebt und küsst. (mb)

Abb: Christian Rohlfs, Rückkehr des verlorenen Sohnes, 1916, National Gallery of Art, Washington D.C. Quelle: National Gallery of Art