Liberté, Égalité, Fraternité
Dieses Jahr war ich zweimal in Frankreich. An den Fassaden öffentlicher Gebäude wie Gemeindeverwaltungen oder Ministerien liest man den im Titel wiedergegebenen Wahlspruch der Republik. Zu Deutsch: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Bzw. heute passender: Geschwisterlichkeit oder Solidarität.
Ich kenne dieses Motto seit meiner Schulzeit. Es ist also eigentlich nichts Besonderes. Dennoch ist es mir nun seltsam eindringlich ins Auge gesprungen. Die Schriften wirkten plötzlich wie an die Wände gesprayte Protestparolen.
Ich glaube, das hat damit zu tun, dass diese Worte eine völlig neue Relevanz erhalten haben. Galten sie in liberalen Demokratien seit der Zeit der Französischen Revolution als Selbstverständlichkeit, so erleben wir jetzt, wie die Werte, die sie benennen, vor unseren Augen zerbröckeln. Und dies bei uns, im demokratischen Westen!
Die Freiheit der Medien, oder die Freiheit, seine sexuelle Orientierung leben zu können; Gleichheit unabhängig von Hautfarbe und Herkunft; geschwisterliche Solidarität in einem auf sozialen Ausgleich achtenden Rechtsstaat – solche Werte erodieren, werden zunehmend infrage gestellt. Und der «alte» Slogan wird plötzlich wieder zum öffentlichen Protest: Tragt Sorge zu diesen Rechten!
Gerade Christ:innen haben guten Grund, dafür einzustehen, denn Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit gehören zu den Grundpfeilern des biblischen Menschenbildes.
Aus dem Glauben, dass wir Gottes bedingungslos bejahtes Geschöpf sind, wird unser Leben zum unverdienten Geschenk, das wir – in Rücksicht auf unsere Mitwelt – in Freiheit gestalten können. Dies gilt ohne Einschränkung für jeden Menschen. Somit sind wir Geschwister und zu solidarischem Einsatz füreinander aufgerufen.
Eben: Liberté, Égalité, Fraternité.
Abb: Liberté, Égalité, Fraternité, Paris. Foto: David Henry, pexels
