Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

Bild: מינוזיג – MinoZig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die jüdische Welt läutet am 22. September das neue Jahr 5786 ein. Dies geschieht nicht mit Feuerwerk. In den Synagogen wird auf dem Widderhorn geblasen. Diese Vorschrift leitet sich aus Levitikus 23:23-24 ab: «Und der Ewige redete mit Moses und sprach: Sage zu den Israeliten: Am ersten Tage des siebenten Monats sollt ihr Ruhetag halten mit Posaunenblasen zum Gedächtnis, eine heilige Versammlung». Woran soll man sich erinnern? Die Tora gibt hier keine eindeutige Antwort. Diese finden wir in der rabbinischen Literatur. So erwähnt der Talmud, dass es an die Bindung Isaaks auf dem Altar erinnern soll (Babylonischer Talmud Rosch Haschana 16a). Moses Maimonides (Hilchot Teschuwa 3, 4) sieht einen anderen Grund für das Blasen auf dem Widderhorn: Es ist, als würde [der Ruf des Wiederhörens] sagen: Wacht auf, ihr Schläfrigen, aus eurem Schlaf, und ihr, die ihr schlummert, steht auf. Überprüft eure Taten, tut Busse, erinnert euch an euren Schöpfer.

Das Hinterfragen unseres Verhaltens in Verbindung mit der Absicht, dieses Verhalten zu verbessern, ist das Thema, das uns während des Monats vor dem jüdischen Neujahr, dem Feiertag selbst und dem zehn Tage später gefeierten Jom Kippur (Versöhnungstag) begleitet. Was wir verbessern müssen, ist die Art und Weise, wie wir mit den Vorschriften umgehen, die zwischen Mensch und Gott bestehen, wie zum Beispiel das Feiern der Feiertage, das Einhalten der Speisegesetze und das Sprechen der Gebete. Auch die Vorschriften, die den zwischenmenschlichen Umgang regeln, sind von grösster Bedeutung. Versöhnung mit dem Ewigen für Verfehlungen gegenüber den Vorschriften, die zwischen Mensch und Gott gelten, wird durch die Einhaltung von Jom Kippur erreicht. Versöhnung für Verfehlungen gegenüber anderen Menschen wird erst dann erreicht, wenn man sich bei der geschädigten Partei entschuldigt hat und Vergebung erhalten hat. Das bringt mich zu meinem Lieblings Vers aus der hebräischen Bibel: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ich bin der Ewige» (Levitikus 19,18). Wir können nicht alle Menschen lieben, aber wir können alle Menschen in ihrer Menschlichkeit respektieren und ehren. Ich glaube, dass dies der Schlüssel zu einer Welt ohne Krieg und Hunger ist. Stellen Sie sich einmal vor, was es bedeuten würde, wenn jeder Mensch dies beherzigen würde!