Lieber Jesus, ich hoffe, dir geht es gut
In unserem Raum der Stille gibt es ein Anliegenbuch. Darin teilen Menschen Gedanken, Sorgen und Wünsche mit anderen – und mit Gott. Vor einiger Zeit habe ich darin einen Text gefunden, der mich berührt: „Lieber Jesus, ich hoffe, dir geht es gut. Ich wünsche dir und deiner Familie viel Gesundheit und Freude. Danke, dass du für meine Familie immer da bist, auch wenn ich für sie nicht da bin.“
Hier wendet sich jemand an Jesus wie an einen sehr vertrauten Freund. Und wie man es bei Freunden tut, drückt man die Hoffnung aus, es möge ihm und seinen Angehörigen gut gehen. Man wünscht Gesundheit. Und dann folgt ein Dank, der wohl gleichzeitig auch als Bitte zu verstehen ist: Der schreibende Mensch kann für seine Familie nicht – oder nicht immer – da sein. Weil sie von ihm getrennt lebt? Weil er viel im Ausland ist? Weil er Asylbewerber:in ist? Deshalb vertraut er darauf, dass Jesus wie ein Stellvertreter für ihn oder sie eintritt und der Familie hilft.
Da nimmt jemand total ernst, dass Gott in Jesus nach biblischem Verständnis Mensch geworden ist; dass er wie wir geworden ist und deshalb auch eine Familie haben und unser Freund sein kann. Dieser Jesus ist kein Herr, zu dem man ehrfurchtsvoll Distanz halten muss. Man ist mit ihm per Du. Das Gebet ist sehr persönlich, und dadurch, dass es in ein offen daliegendes Buch geschrieben wurde, auch öffentlich.
Der / die Schreibende stellt uns seinen / ihren Glauben zur Verfügung. Ich fühle mich an Menschen in Afrika oder Lateinamerika erinnert, die durch die Gewissheit, dass Gott in Jesus ihr Freund – also einer von ihnen – ist, Mut bekommen, sich gegen die Herren dieser Welt zur Wehr zu setzen und für ihre Rechte einzustehen.
Daran werde ich denken, wenn ich Jesus das nächste Mal duze.
Abb: Christus und Johannes, Skulptur, vermutl. Benediktinerinnenkloster Mariaberg, Deutschland, 1325-1350. Quelle: Landesmuseum Württemberg
