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Mach mich fromm

In das Anliegenbuch, das in unserem Raum der Stille aufliegt, hat jemand folgendes Kindergebet geschrieben:
«Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.»

Dieses Gebet hat mich durch meine Kindheit begleitet. Jetzt, als Erwachsener, zucke ich zusammen, wenn ich es lese.
Dass Gott ein Kind «fromm» machen möge, klingt veraltet und weltfern. Und bei der Verbindung zum Nebensatz «…,dass ich in den Himmel komm» frage ich spontan: Macht einem Kind das nicht Angst? Denn wenn ich fromm werden muss, um in den Himmel zu kommen, dann gibt es im Umkehrschluss wohl eine Hölle, die droht, wenn ich nicht fromm genug bin.

Bei näherem Betrachten erkenne ich aber, dass die Worte anders gedacht sind und dass sie viel mit meinem reformierten Glauben zu tun haben.
Wichtig ist nämlich zu sehen, bei wem im Gebet die Handlung liegt. Sie liegt bei Gott, und nicht bei mir Betendem. Nicht ich muss fromm sein, sondern Gott soll mich fromm machen.
Und wenn ich «fromm» in die Gegenwart übersetze, dann meint dieses Wort: Im Vertrauen auf Gott leben. Aus diesem Glauben heraus handeln.

Nach reformiertem Verständnis kann ein Mensch dies nie von sich aus. Er wird immer auch zweifeln, wird Krisen erleben. Er wird sehr oft nicht aus Glauben handeln.
Der Mensch ist nie «fromm» genug. Glaube und Vertrauen können versucht und eingeübt werden, letztlich sind sie jedoch ein Geschenk Gottes.
Weil aber Gott die Menschen liebt,  will er/sie nur das Beste für sie.

So muss ich dem Kindergebet recht geben: Fromm macht mich Gott. In den Himmel komme ich.
Ich selbst muss nicht mehr als einfach Mensch sein. (mb)

Foto: istock/south agency