Maria liest

Das Bild zum heutigen Weg-Wort entstammt einem Stundenbuch aus der Zeit um 1480. Es stellt Maria und Josef mit dem Jesuskind dar. Sie befinden sich auf der Flucht nach Ägypten.

Stundenbücher wurden im späteren Mittelalter hauptsächlich für wohlhabende Menschen aus dem Adel geschaffen. Sie dienten der privaten Andacht. Zu bestimmten Stunden am Tag wurden Gebete und Andachtstexte gelesen. Zudem gab es kunstvoll gestaltete Bilder wie das unsrige, die zur kontemplativen Betrachtung einluden. Oft waren es Frauen, die diese Bücher nutzten. Ihrer gehobenen Stellung entsprechend konnten sie lesen und verfügten über Bildung.
Nicht selten gibt es in den Stundenbüchern deshalb Darstellungen, die auch die Gottesmutter Maria lesend zeigen. Wenn Adelige lesen konnten, dann musste es doch auch die erhabenste aller Frauen gekonnt haben!

Unser Bild allerdings ist ausserordentlich. Die Heilige Familie ist auf der Flucht, und Maria sitzt auf dem Esel und liest, als ob es das selbstverständlichste der Welt wäre. Ob sie die Prophezeiungen des Ersten Testamentes der Bibel studiert, die vom kommenden Messias reden und damit auf ihren Sohn hinweisen? Will sie verstehen, wer ihr wundersames Kind ist?
Und wo eigentlich ist das Kind? Es wird von Josef getragen, der den Esel führt.
Das ist noch viel ausserordentlicher, denn meist sehen wir Darstellungen, die das Kind in inniger Verbindung mit seiner Mutter zeigen, Josef hingegen irgendwo im Hintergrund.

Das Bild durchkreuzt damit patriarchale Vorstellungen von Familie und Geschlechterrollen. Die lesende, studierende Frau; der mit Care-Arbeit beschäftigte Mann.

Wenn ich mich als Geschöpf Gottes verstehe, dann gehören alle Aspekte des Menschseins dazu: Körperlichkeit, Intellekt, Emotionalität und Spiritualität. Dann ist Bildung ebenso wichtig wie liebevolle Sorge um einen Säugling. Und nichts davon ist geschlechtsabhängig.

Abb: Miniatur aus einem Stundenbuch, ca. 1480, Bibliothèque Royale, Brüssel