Martha und Maria

Jesus besucht zwei Schwestern. Die wohl ältere Schwester, Martha, bewirtet den Besuch. Ihre Schwester, Maria, sitzt Jesus zu Füssen und hört ihm zu.

Während Jahrhunderten war klar: Jesus tadelt die aktive Marta und lobt die passive Maria.

Das hat mich stets etwas geärgert. Erwartet Jesus wirklich, dass alle nur kontemplieren und so für ihr eigenes Seelenheil sorgen? Wie kann eine Familie, die Gesellschaft und die Kirche so funktionieren?

Christus bei Maria und Martha
von Jan Vermeer 1654/1655,
Quelle: Wikipedia

Ausgerechnet Meister Eckert, der Meister der Kontemplation, predigte vor über 700 Jahren umgekehrt über Maria und Marta. Er predigte: Nicht die kontemplierende Maria ist das Vorbild, sondern die fleissige Marta.

Die kontemplierende Maria vergisst, ihrer fleissigen Schwester zu helfen. Für Meister Eckhart zeigt Maria eine unreife Spiritualität.

Für die reife Spiritualität steht die fleissige Marta. Ihre Spiritualität hält Marta nicht davon ab, das zu tun, was es zu tun gibt. Marta kann auch in der Gastfreundschaft kontemplieren: im Tun für andere Menschen.

Meister Eckhart, dieser Meister der Stille und des Loslassens, zeigt mit Maria und Marta: Wir sollen nicht nur kontemplieren, nicht nur für unser Seelenheil sorgen. Wir sollen auch das tun, was zu tun ist. Miteinander, füreinander: in der Familie, in der Gesellschaft und als Kirche.

Meister Eckhart zeigt: Es braucht das Gebet und die Arbeit, die Stille und das Tun. Denn spirituelle Erfahrungen bleiben sinnlos, wenn sie uns nicht in die Welt begleiten: in den Alltag und für andere Menschen.

Das ist auch ein Trost für alle Menschen, die mit Spiritualität nichts anfangen können. Meister Eckhart zeigt ihnen eine andere Form der Spiritualität: Gott lässt sich nicht nur in der Stille erfahren. Glauben und den Glauben leben, kann man auch mitten im Alltag. (ar)