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Mein Herz ist bereit

„Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen.“
(Psalm 57, Vers 8)

Der Mensch, der dies schreibt, fühlt sich aufs Äusserste bedroht. In den Versen vor dem oben zitierten klagt er über Nachstellungen. Es kommt ihm vor, als ob er menschenfressenden Löwen ausgeliefert wäre. Und er sagt: «Ein Netz haben sie meinen Schritten gelegt, niedergebeugt meine Seele.»
Deshalb wendet er sich Gott zu. Gott ist ihm wie eine Vogelmutter, unter deren weiten Flügeln er auf Schutz und neue Sicherheit hoffen kann. (Vers 2)
Und mitten in dieser Mischung aus Klage- und Hoffnungsäusserungen erscheint dann der Satz:
«Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen.»

Die Bedrohung ist nicht vorüber. Jedenfalls lesen wir nichts davon. Aber im Erleben des Menschen scheint sich etwas verändert zu haben. Er will singen. Er ist bereit dazu. Das muss er gleich zweimal betonen.
Und die folgenden Verse des Psalms sind dann nur noch dem Lob und Dank Gott gegenüber gewidmet.

Singen trotz Bedrohung? Wie geht das?
Der Glaube kann in den meisten Fällen die äusseren Umstände nicht ändern.
Aber wie wir diese Umstände erleben, wie wir uns darin verhalten – darauf hat er einen Einfluss.
Lasse ich mich von Bedrohlichem lähmen, sehe nur noch schwarz? Oder gewinne ich neuen Spielraum, der mir hilft, mich aufzurichten und handlungsfähig zu bleiben; der hilft, dass ich für mich einstehe und einen Umgang mit den Umständen finde – und irgendwann auch wieder singen und spielen kann? (mb)

Abb: Jacob van Eyck, Der Flöte Lusthof, Sammlung von verschiedenen Stücken wie Psalmen, Pavanen, Allemanden usw., 1649, Amsterdam. Extrakt einer gescannten Seite, 2011