Mitgefühl verbindet und fordert heraus
Mitgefühl verbindet uns mit dem Leid anderer und ruft uns aus der Selbstbezogenheit heraus. In der Bibel sagt Jesus: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40). Damit wird deutlich: Mitgefühl ist im Christentum keine Nebensache, sondern ein wesentlicher Weg zu Gott.
Ein Blick auf andere Religionen zeigt, wie universell dieses Prinzip ist. Im Judentum spricht rachamim von Gottes Erbarmen, im Islam ist rahma; im Buddhismus gehört karuṇā zum Weg der Befreiung; im Hinduismus ist Mitgefühl Ausdruck der Verbundenheit allen Lebens. Diese Gemeinsamkeiten widersprechen nicht dem christlichen Glauben. Vielmehr spiegeln sie Gottes Wirken in allen Menschen – Mitgefühl verbindet.
Die meisten Weltanschauungen betonen aber auch, dass Mitgefühl nicht dasselbe ist wie Mitleid – und auch mehr eine Handlung ist als eine rein innerliche Emotion. Es romantisiert nicht, sondern führt in konkrete Verantwortung – im sozialen Engagement, in der Politik, im alltäglichen Umgang miteinander. Es gründet in der Überzeugung, dass jeder Mensch mit Würde ausgestattet ist. Darum kann Mitgefühl unbequem werden: Es wehrt sich gegen unsere Vorurteile über andere und fordert uns zu mutigen Entscheidungen heraus. Am Ende ist Mitgefühl Geschenk und Aufgabe zugleich. Es beginnt im Hören auf unser Innerstes und zeigt sich in Taten: im Trost, im Spenden von materiellen Gütern, im Erleben tiefster Verbundenheit mit anderen Geschöpfen und der Umwelt.

| Diskussion im Rahmen der Woche der Religionen über «Mitgefühl» im Tibetischen Zentrum Rikon (Bild: Peter Oberholzer) |