Musik vom Himmel

Beethoven meinte, Bach sollte eigentlich nicht Bach heissen, sondern Meer; denn aus ihm allein sei unendlich zu schöpfen. Ich kenne keinen bedeutenden Musiker, der die Beethovensche Bewunderung für Bach nicht teilen würde. So etwa spricht der gefeierte Bach-Interpret Andras Schiff in tiefer Verehrung des Tonmeisters als dem «Gottvater der Musik». Ich teile diese Verneigung, auch wenn ich seit dem Abbruch meines Klavierunterrichts nur noch der Zunft der leidenschaftlich Hörenden angehöre.

Kürzlich bin ich auf eine Aufnahme mit dem von mir bewunderten Pianisten Martin Stadtfeld gestossen, in der er ein Mädchen in die musikalischen Geheimnisse von Bachs «Das Wohltemperierte Klavier» einweiht. Nachdem er dem Kind jeweils ein Stück daraus vorgespielt hat, bittet er es, auf das Gehörte zu reagieren. Das Präludium Nr. 3 aus dem 1. Buch empfindet das Mädchen als «sehr schön und lebendig». Daraufhin der Maestro ganz liebevoll: «Ist das nicht eine Musik, die vom Himmel kommt? Sie ist schon fast 300 Jahre alt, aber ihre Schönheit baut eine Brücke über die Zeiten. Sie verbindet die Menschen über alle Epochen, die darüber staunen, dass es so etwas Schönes überhaupt geben kann».

Dann erklärt er dem Mädchen, was eine Fuge ist, und dass es nur einen Tonkünstler gab und geben wird, der diese hochkomplexe musikalische Kunst- und Ausdrucksform in Vollendung beherrscht hat – Johann Sebastian Bach. Den Bau einer mehrstimmigen Fuge vergleicht der Pianist dann mit einem dem Kind leicht zugänglichen Bild, nämlich mit einem Gespräch, an dem sich mehrere Menschen zu einem bestimmten Thema äussern, und dies nicht durcheinander, sondern nacheinander und nebeneinander, so dass jede einzelne Stimme zu ihrem Recht kommt und angehört wird. Also genau andersrum, als wir es von TV-Talkrunden allabendlich gewöhnt sind.

Am Ende dieses wunderbaren Lehrgesprächs lässt der Meister die Schülerin noch wissen, dass Bach sich immer nur als Instrument Gottes verstanden hat. Über und unter jede noch so kleine Komposition setzte er die drei Buchstaben S.D.G. – Das Kürzel steht für das lateinische «Soli Deo Gloria». Will sagen: Nicht mir, Johann Sebastian Bach, gebühren Ruhm und Ehre, sondern Gott allein.

Bildquelle: wikimedia. Paul Klee, Fuge in Rot, 1921