Mysterien am Hauptbahnhof
Bahnhöfe sind in der Regel Durchgangsorte. Tausende von Menschen nutzen sie täglich zum Ein-, Aus- oder Umsteigen, wenn sie zur Arbeit fahren, einen Besuch machen oder für eine Erledigung unterwegs sind. Manche gehen bei einem Kiosk oder Laden vorbei und kaufen sich eine Zeitung, einen Kaffee oder ein Sandwich. Alle verfolgen ihre individuellen Ziele und schenken den ebenfalls anwesenden Mitmenschen kaum Beachtung.
Im Hauptbahnhof Zürich und an anderen grösseren Bahnhöfen gibt es einen speziell markierten Treffpunkt. Er hebt sich vom allgemeinen Gewimmel ab und ist ein Ort voller Geschichten und Emotionen. Man verabredet sich dort in Vorfreude, um eine gemeinsame Reise anzutreten. Menschen, die sich noch nicht kennen, nutzen diese Stelle vielleicht mit Herzklopfen für die allererste Begegnung. Jemand macht mit einem Freund oder einer Freundin dort ab, um ihn oder sie noch einmal zu sehen, zum Zug zu begleiten und wehmütig zu verabschieden.
Ob der deutsche Performance-Künstler Joseph Beuys die Bahnhofstreffpunkte im Sinn hatte, als er 1984 in einem Interview den Satz prägte: «Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt»? Schliesslich können einem diese Treffpunkte die Einzigartigkeit und Kostbarkeit jeder Begegnung vor Augen führen. Oder erkennt der Künstler die Mysterien genauso in denen, die gedankenversunken vorbeihuschen oder beobachtend dasitzen? Es ist doch im Grunde jeder einzelne Mensch – egal wie er oder sie gerade unterwegs ist – eine eigene Welt für sich und ein unergründliches Geheimnis Gottes. Betrachten Sie einmal eine Stosszeit am Hauptbahnhof unter diesem Blickwinkel! Sie könnten eine Ahnung von diesen Mysterien geschenkt bekommen.
