Nacht der Herrlichkeit
Der Dichter Rainer Maria Rilke beschreibt 1897 im Gedicht „Advent“ eine Welt, die still geworden ist. Keine Bewegung, kein Laut – und doch ist alles in gespannter Erwartung. Die Felder liegen da wie unter einem Gebet, die Luft ist voll von Ahnung. Die Tannen stehen dunkel und aufrecht, und es ist, als würden sie in ihrem Wachsen schon dem Kommenden entgegenstreben – der einen Nacht der Herrlichkeit.
Diese Bilder berühren, weil sie etwas ausdrücken, das wir auch innerlich kennen: dieses leise, unaufhaltsame Wachsen auf ein Licht hin, das wir noch nicht sehen. Advent ist nicht nur eine Zeit im Kalender, sondern ein Zustand der Seele. Auch in uns gibt es dieses stille Werden, dieses unbewusste sich Strecken nach dem, was kommen will.
Manchmal spüren wir davon wenig. Wir sehen nur das Dunkel, den Frost, die Müdigkeit. Doch wie die Bäume im Winter wachsen auch wir weiter – langsam, nach innen, der Tiefe entgegen. Und wenn Weihnachten kommt, ist es, als würde das Licht, auf das wir uns hin ausgestreckt haben, plötzlich in uns selbst aufleuchten.
Jesus, der Mensch gewordene Gott, ist dieses Licht. Er machte die Nacht zur „Nacht der Herrlichkeit“ (Rilke), – die Stunde, in der Himmel und Erde einander berühren.
Ich wünsche uns in diesen Tagen das Vertrauen der Tannen: dass wir still und aufrecht bleiben im Warten. Und dass wir spüren, wie wir – oft ohne es zu merken – schon längst dem Licht entgegenwachsen.
