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Das leere Blatt
Viele Menschen ertragen ein leeres Blatt kaum. Sie füllen es lieber schnell mit Belanglosem oder lassen KI-Automaten Texte „zaubern“. Doch diese Large Language Models recyceln nur vorhandenen Datenbrei und schaffen nichts wirklich Neues. Für eine echte Reformation ist das weisse Blatt jedoch essenziell, da es den Moment markiert, in dem das Kommende noch offen ist. Die reformierte Spiritualität empfiehlt seit Zwingli bewusst die Leere, etwa durch schmucklose Kirchen. Ziel ist die „Andacht“, eine innere Begegnung mit Gott, bei der die Gedanken zum Ort der Neuschöpfung werden. Hier entsteht Anteil an der fortlaufenden Schöpfung, getreu dem messianischen Vers: „Ich mache alles neu“. Ohne diese innere Leere bleibt Veränderung nur die Wiederholung…
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Kanzeon
Auf dem Friedhof Nordheim in Zürich gibt es ein Grabfeld für Buddhist:innen. In dessen Mitte findet sich ein Keramikrelief mit der Figur des Bodhisattva Kanzeon. Nach buddhistischem Verständnis sind Bodhisattvas Menschen, die zur Erleuchtung gekommen sind und aus dem Kreislauf der Wiedergeburten austreten würden, also erlöst wären. Aus Liebe zu ihren Mitmenschen entscheiden sie sich jedoch, in der Weltwirklichkeit zu bleiben, um anderen zu helfen. Sie sind menschgewordener Ausdruck höchster Nächstenliebe. Von Kanzeon heisst es insbesondere, er habe die Hilferufe und Seufzer der Menschen gehört. Er wollte sie nicht im Stich lassen. So bedeutet sein Name wörtlich: Wahrnehmen der Klage und der Seufzer der Welt. Auf einem Friedhof wird selten…
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Imitieren oder kreieren
Die Künstliche Intelligenz hat so grosse Fortschritte gemacht, dass mit ihrer Hilfe Musikstücke herstellen werden, die von menschengemachter Musik so gut wie nicht mehr unterscheidbar sind. Künstlich erstellte Titel nehmen auf den Streaming Plattformen inzwischen einen grossen Anteil ein und die Unternehmen arbeiten an Gegenmassnahmen wie einer deutlicheren Deklaration. Während bereits vom Ende der persönlich komponierten Unterhaltungsmusik gesprochen wird, halten einzelne Künstler:innen etwas dagegen. Wer sich für moderne Rockmusik interessiert, hat vielleicht schon vom kanadischen Musikerduo «Angine de Poitrine» gehört. Ihr Auftreten ist bizarr: Ganz schwarz-weiss gepunktet und mit skurrilen Masken lassen sie ihre Person hinter der Aufführung zurücktreten, nennen sich «Khn» und «Klek». Ihre Musik mag im ersten Moment…
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Gotthard
Mehrmals im Jahr erscheint der Name «Gotthard» in den Nachrichten und Verkehrsinformationen, besonders um grosse Feiertage und Ferienzeiten herum. Millionen von Menschen befahren den fast 17 Kilometer langen Gotthardtunnel, um warme Tage im Süden zu verbringen, und manchen tags ist der Tunnel so ausgelastet, dass der Rückstau seine Länge weit übertrifft. In früheren Zeiten musste man die beschwerlichere Passstrasse verwenden, um das Gotthardmassiv zu überqueren. Woher haben Pass, Tunnel und Bergmassiv eigentlich ihren Namen? Auf der Passhöhe soll seit dem 10. oder 11. Jahrhundert eine Kapelle gestanden haben, welche der Bischof von Mailand 1230 dem heiligen Godehard weihte. Godehard wurde 960 geboren und stammte aus bäuerlichen Verhältnissen. Seine Begabung wurde…
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Der Tänzer
Die hier abgebildete Figur ist das Fragment einer Kreuzabnahme Jesu aus dem 12. Jh. Der Rest der Szene ist verlorengegangen. Sie zeigte, wie Jesus nach seinem Tod vom Kreuz gelöst wird. Wenn man dies weiss, kann man sich das Fehlende vorstellen, weil es viele solche Darstellungen gibt: Seine linke Hand ist noch am Balken festgenagelt, der rechte Arm ist abgelöst und ruht auf der Schulter des Josef von Arimathäa, Maria und Johannes stehen links und rechts davon. Aber nur die Jesusfigur ist von alldem übriggeblieben. Wie anders sie ohne den Kontext wirkt. So frei und tatsächlich losgelöst! Wie ein Tänzer, wie ein Sufi-Mystiker beim rituellen Drehtanz. Oder wie ein Künstler,…