• Martha und Maria

    Jesus besucht zwei Schwestern. Die wohl ältere Schwester, Martha, bewirtet den Besuch. Ihre Schwester, Maria, sitzt Jesus zu Füssen und hört ihm zu. Während Jahrhunderten war klar: Jesus tadelt die aktive Marta und lobt die passive Maria. Das hat mich stets etwas geärgert. Erwartet Jesus wirklich, dass alle nur kontemplieren und so für ihr eigenes Seelenheil sorgen? Wie kann eine Familie, die Gesellschaft und die Kirche so funktionieren? Ausgerechnet Meister Eckert, der Meister der Kontemplation, predigte vor über 700 Jahren umgekehrt über Maria und Marta. Er predigte: Nicht die kontemplierende Maria ist das Vorbild, sondern die fleissige Marta. Die kontemplierende Maria vergisst, ihrer fleissigen Schwester zu helfen. Für Meister Eckhart…

  • Gerechtes Regieren

    Wo viele Menschen zusammenleben, braucht es Organisation, geregelte Entscheidungsfindung und Umsetzung. Im Laufe der Geschichte entwickelten sich dafür verschiedene Formen von demokratischer, Gruppen- oder Einzelherrschaft. Der Ruf nach einem starken Mann taucht besonders in schwierigen Zeiten auf, immer wieder auch die Enttäuschung darüber, dass einmal erworbene Macht masslos und zum eigenen Vorteil missbraucht wird. Es gibt Beispiele in der aktuellen Weltpolitik. Auf die Versuchungen von Macht und Einfluss weist das Markusevangelium hin, wo Jesus sagt: «Ihr wisst, dass die, welche als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Grossen ihre Macht gegen sie einsetzen. Bei euch aber soll es nicht so sein.» (10,42f) Seit jeher lebt in den Völkern die…

  • Auseinander – setzen

    Das Christentum ist seit seinen Anfängen eine Religion der Vielstimmigkeit. Es gibt nicht ein, sondern vier Evangelien, die mit je eigener Perspektive den Glauben an Jesus Christus verkünden. In der frühen Kirche stritt man erbittert um das richtige Verständnis Jesu, ob und wie er sowohl Mensch wie Gott sein könne. Das führte zu Ausschlüssen und Trennungen. Ums Jahr 1000 kam es zur endgültigen Trennung der westlichen römischen und den östlichen orthodoxen Kirchen. Nochmal 500 Jahre später trennten sich die katholische Kirche und die Kirchen der Reformation. Immer neu wird im Christentum um Wahrheit und Einheit gerungen. Die eine Wahrheit jedoch, und die vollständige Einheit – die scheint es nicht zu…

  • Zeitvergessen

    Ich lief dem Lungerersee im Kanton Obwalden entlang. Vor mir lagen 50 Minuten Weg von Obsee bis zur kleinen Kapelle in Bürglen, wo an diesem Abend ein Gottesdienst gefeiert wurde. Doch der Ausblick auf den See hielt mich immer wieder auf. Das spätnachmittägliche Licht fiel auf das Wasser und liess es smaragdgrün leuchten. Mit fast jedem Schritt zeigte sich ein anderer Farbton: mal im Schatten der Uferbäume oder der Berge, mal unter einem Boot, mal im vollen Sonnenlicht. Hier hell und milchig, da tief und dunkel. Ich blieb immer wieder stehen und schaute, nahm die Farben in mich auf. Für einen Moment lang gab’s nur das. Nur dieses Wasser, dieses…

  • Triefen

    «Gott, als du auszogst vor deinem Volk, als du einherschrittest durch die Wüste, da bebte die Erde, die Himmel troffen vor Gott, dem vom Sinai, vor Gott, dem Gott Israels.» (Psalm 68, Verse 8 + 9) Was für eine wagemutige Sprache: «Die Himmel troffen vor Gott»! Diese Psalmenverse beziehen sich auf den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten unter der Führung von Moses. Es geht um die Befreiung aus einer Existenz als zweitklassige Menschen. Die Israeliten waren so etwas wie Zwangsarbeitende für die ägyptische Herrscherklasse. In der Glaubenstradition des Volks wurden die Flucht aus der Unterdrückung und der Zug durch die Wüste Sinai nach Palästina, wo Israel sich niederliess und…