Nicht herstellbar

Viele Jahre lang war die Frau Gemeindekrankenschwester. Tags und nachts unterwegs, um Kranke zu versorgen. Sie kann ihre Situation also bestens einschätzen: Die Lähmung nach dem Hirnschlag wird bleiben, und sie wird im Pflegezentrum bleiben. Aber es bereitet ihr Mühe, sich plötzlich als Hilfsbedürftige zu erfahren.

So ist sie froh, dass der Pfarrer regelmässig vorbeikommt. Mit ihm kann sie über alles reden, erlaubt sich auch mal Tränen. Oft schliessen sie die Gespräche mit einem Unservater-Gebet ab. Heute sagt sie: «Darf ich Sie bitten, mir dabei die Hand zu halten?» Der Pfarrer tut es. Es ist ein dichter Moment.

Beim nächsten Besuch ist sie ganz bewegt. Sie habe nach dem Gebet endlich wieder richtig tief schlafen können. Es sei ein grosser Friede in ihr gewesen. Als er ihre Hand gehalten habe, sei es für sie gewesen, als ob der Vater im Himmel sie fest in seinen Händen halte.

Der Pfarrer ist nicht Gott. Und er verfügt auch nicht über irgendwelche Wunderkräfte. Das weiss die Frau. Aber die Begegnung macht deutlich, dass sich in der Seelsorge Räume öffnen können, über die niemand verfügt. Aus der Geste des Händehaltens, aus der Zuwendung des Pfarrers erwächst ein Mehr anderer Qualität: Die Geste steht für die Zuwendung Gottes. In der Begegnung dieser Menschen wird die Begegnung mit Gott erahnbar. Halt und Zuversicht werden spürbar. Dieses Mehr kann man nicht herstellen. Man kann lediglich eine Sensibilität für den richtigen Moment entwickeln. Ob es eintritt, weiss man nicht.

Vielleicht war es eine ganz ähnliche Erfahrung, die einen Menschen im Psalm 18 schreiben liess:
«Gott griff herab aus der Höhe, fasste mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.»

Abb: pixabay. Foto: milivigerova