Nichtwissen
Zugeben zu müssen, etwas nicht zu wissen, kann peinlich sein. Lieber gibt man irgendetwas vor, um zum Kreis der Wissenden zu gehören und sich nicht ausgeschlossen zu fühlen. Nicht zu wissen verunsichert oft, es droht der Verlust von Kontrolle und des festen Bodens unter den Füssen. So sucht man nach jedem Strohhalm, um sich an ihm festzuhalten und sich etwas sicherer zu fühlen. Im Rechtssystem gibt es den Grundsatz «Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.» Wer im Zusammenleben handelt, muss sich der geltenden Regeln und Gesetze bewusst sein und kann sich nicht mit Unwissenheit herausreden.

Geht es um die grossen und grundsätzlichen Dinge des Lebens, dann wird es schwierig mit dem Wissen, auch deshalb, weil Menschen gerne ihre Perspektive als die einzig zutreffende ansehen und so die Meinungen hart aneinanderprallen. Weise Menschen waren und sind sich dessen bewusst und der griechische Philosoph Sokrates diskutierte mit den Leuten vom Ausgangspunkt aus: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.»
In Sachen des Glaubens spitzt sich die Lage nochmals zu. Hier sind Überzeugungen ausgesprochen, die mit dem eigenen Sein zutiefst verbunden sind. Um einer existentiellen Verunsicherung zu entgegen, müssen manche ihren Glauben um jeden Preis und mit allen Mitteln verteidigen. Dabei wäre gerade hier die Einsicht des Sokrates angebracht. Geht es um Gott und die letzten Dinge, greift selbst das brillanteste menschliche Verstehen zu kurz, und alles, was geschrieben steht, kann uns höchstens eine schwache Ahnung davon geben.
Es täte uns und der menschlichen Gemeinschaft gut, wenn wir uns wie Sokrates mit dem Nichtwissen anfreunden könnten und aufeinander zugehen würden mit seiner Haltung: «Kommt, lasst uns gemeinsam mehr herausfinden.» (jr)