Ohne Kirche

Heidi Reichinnek ist ein Politstar. Die deutsche Bundestagsabgeordnete der Partei „Die Linke“ hat auf Instagram 879’000 Follower:innen, auf TikTok 636’100. Die 37-Jährige steht für eine dezidiert soziale Politik. Sie bekämpft Kinderarmut und setzt sich für Gleichberechtigung von Frau und Mann ein.

Letztes Jahr ist Reichinnek aus der Kirche ausgetreten. Dies v.a. deshalb, weil sie nicht gläubig ist. Das Christentum spielt in ihrem Leben allerdings eine wichtige Rolle. Sie ist in einer christlichen Familie aufgewachsen und hat ein grosses Interesse an Religionen. Seit 2021 ist sie bei der Evangelischen Jugendhilfe in Osnabrück angestellt – einem kirchlichen Arbeitgeber. Ihr Engagement für sozial Schwache ist ohne diese Prägung wohl kaum zu denken.

Die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Tochter eines Pfarrers. Dieser Hintergrund hat sie geprägt. Viele Beobachter:innen erkannten in der Art ihres Politisierens den Einfluss der christlich-humanitären Tradition. Am klarsten ist er wohl in der Flüchtlingskrise 2015 zu spüren gewesen. Als der Syrienkrieg und andere Konflikte Millionen von Menschen in die Flucht trieben, schotteten sich die meisten europäischen Länder ab. Deutschland jedoch nahm unzählige Menschen auf. Merkel wurde dafür massiv angefeindet. An einer Pressekonferenz machte sie die Aussage:
„Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.»

Oft ist die Klage zu hören, der christliche Glaube verliere an Bedeutung. Woran aber misst man das? Am Gottesdienstbesuch? An der Anzahl Kirchenmitglieder? Oder an der Wirkung, die die christliche Tradition in der Gesellschaft entwickelt?

Heidi Reichinnek und Angela Merkel sind Beispiele dafür, wie die Prägung durch die biblisch-humanitäre Tradition in Menschen wirken kann, bis hinein in die Politik.
Vielleicht steht es also gar nicht so schlecht ums Christentum – wenn man es auch ausserhalb der Kirche
sucht.

Abb: Heidi Reichinnek auf der re:publica 25 in Berlin. Foto: Leonhard Lenz. Wikimedia Commons