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Ohne Schuhe

Gerade bin ich von einer Reise durch Laos zurückgekehrt. Ich hatte die Gelegenheit, unzählige buddhistische Tempel zu besuchen. Ähnlich wie bei einer Moschee musste man vor diesen Gebäuden die Schuhe ausziehen. Man betritt den Raum barfuss oder in Socken.
Anfangs fand ich das andauernde Ausziehen und wieder Anziehen bemühend. Mit der Zeit jedoch lernte ich es als eine Art Ritual schätzen. Es bereitete mich auf den Raum vor. Es zeigte mir an, dass ich nicht irgendetwas betrete, sondern einen Raum anderer Qualität, einen Raum, in dem es den Nutzenden um den Kern der Existenz geht, um das, was im Letzten nicht fassbar ist, von Menschen aller Religionen und Traditionen aber geahnt wird. Man kann es auch das Ewige, Heilige oder Göttliche nennen.
Meist herrschte in den Tempeln auch eine entsprechende Atmosphäre: Stille und Konzentration; Menschen knieten nieder und brachten Opfergaben dar.

Das Ausziehen der Schuhe zwang mich, die Schwelle in diesen anderen Raum sehr bewusst zu überschreiten.

In unserem westlichen Christentum kennen wir das kaum mehr. Aber etwas davon ist geblieben, wenn wir das kunstvoll gestaltete Portal einer Kirche durchschreiten und den Kirchenraum – oft durch die farbigen Fenster in anderes Licht getaucht – betreten.

Und Spuren des Rituals finden sich noch im Ersten Testament der Bibel. Das dritte Kapitel des zweiten Buchs Mose erzählt, wie Gott Moses in einem brennenden Dornbusch erscheint. Als dieser sich dem Busch nähert, befiehlt Gott ihm, seine Sandalen auszuziehen.
„Wo du stehst, ist heiliger Boden“, sagt Gott.

Abb: Vat Xieng Thong, 1560, Luang Prabang, Laos. Foto: Privat