Petrichor

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Nach einem Sommerregen liegt oft ein unverwechselbarer Duft in der Luft. Die meisten Menschen verbinden ihn mit dem Regen selbst. Tatsächlich entsteht der Geruch jedoch nicht im Regen, sondern im bzw. auf dem Boden. Der Begriff dafür lautet: Petrichor. Während trockener Perioden lagern sich pflanzliche Öle auf Steinen, Erde und anderen Oberflächen ab. Gleichzeitig produzieren bestimmte Bodenbakterien den Stoff Geosmin. Treffen die ersten Regentropfen auf den trockenen Boden, werden diese Substanzen gelöst und als feinste Aerosole in die Luft geschleudert. Erst dann werden sie für den Menschen wahrnehmbar. Der Regen erschafft den Duft somit nicht; er setzt frei, was bereits vorhanden ist.

Dieses Naturphänomen beschreibt präzise eine geistliche Wirklichkeit. Der Mensch trägt mehr in sich, als ihm im normalen Alltag wohl bewusst ist: die Fähigkeit zu lieben, die Sehnsucht nach Wahrheit, die Suche nach Sinn, die Ahnung von Gott. Diese Anlagen gehören zu seiner Natur. Gottes Gnade wirkt da nicht wie ein fremder Zusatz, der dem Menschen etwas gibt, was vorher nicht da war. Sie ähnelt vielmehr dem Regen. Sie berührt den Menschen so, dass etwas in Bewegung gerät, was in ihm angelegt ist. Und Gnade wirkt nicht abstrakt. Sie trifft auf die konkrete Geschichte eines Menschen: auf Erfahrungen, Sehnsucht, Verletzlichkeit, Erinnerung, Liebe, Widerstand. Sie löst nicht irgendetwas Beliebiges aus, sondern berührt das, was im Menschen vorhanden ist.

Der Mensch ist frei, sich dem zu verschliessen oder zuzuwenden. Gnade drängt sich nicht auf. Sie sucht die Zustimmung des Herzens, die Aufmerksamkeit des Geistes und den Willen, sich berühren zu lassen.

Es gibt ein Parfum mit dem Namen «Petrichor». Wir Menschen tragen unseren eigenen Duft in uns: etwas, das wahrnehmbar wird, wenn Gottes Gnade auf unsere eigene Geschichte trifft. Wie würde dein Duft heissen? (ve)