Quelle der Liebe

«Sie liebt mich… sie liebt mich nicht…», «er liebt mich… er liebt mich nicht…». Wer kennt nicht dieses Spiel aus Kindertagen, wo wir mit bangem Herzen durch das Auszupfen von Blütenblättern herauszufinden versuchten, ob unser Schwarm gleich empfindet wie wir. Es war eine Art Orakel und es mochte sogar ausschlaggebend dafür werden, ob wir weitere Schritte der Annäherung wagten oder uns resigniert zurückzogen: eine selbsterfüllende Prophezeiung.

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Dann wurden wir erwachsen, und der Glaube an die Orakelkraft der Blüten verflüchtigte sich. Was blieb, war die Sehnsucht geliebt zu werden, die Hoffnung, für einen anderen Menschen wichtig zu sein und mit ihm oder ihr gemeinsam durchs Leben zu gehen. Für manche blieb es ein unerfüllter Wunsch, der ein nagendes Loch oder nüchternen Pragmatismus zurückliess. Andere fanden einen Partner; allerdings forderten enttäuschte Erwartungen und die Gewöhnung ihren Tribut: Nicht selten verlor sich der anfängliche Glanz der Liebe und wich einem kühleren Nebeneinander – oder man ging wieder getrennte Wege.

Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit ganzer Kraft und ganzem Denken, und den Nächsten lieben wie sich selbst: Das gilt in den Evangelien als das grösste und wichtigste der Gebote. Auf die Frage: «Wer ist denn mein Nächster?» erzählt Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter und endet mit der Frage: «Wer ist dem Überfallenen der Nächste geworden?» Der Perspektivenwechsel verändert alles: Nicht der Bedürftige ist der Nächste, sondern ich selbst bin es, wenn ich mich dem anderen zuwende. Liebe ist keine milde Gabe, kein Objekt und keine Handelsware. Und wir sind keine mehr oder weniger gefüllten Gefässe und schon gar keine Fässer ohne Boden. Wir sind wunderbare Wesen und Quelle der Liebe selbst. Wer dies entdeckt hat, braucht kein Blütenorakel und hält den Schlüssel zum Himmelreich in Händen.