Rot wie Rettung
Das Buch Josua in der Bibel erzählt von der Prostituierten Rahab in der Stadt Jericho. Israel ist nach der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten endlich im von Gott verheissenen Land angekommen. Dort aber stösst es auf Widerstand ansässiger Völker. So schickt Israels Anführer Josua zwei Männer in die Stadt Jericho, die die Lage auskundschaften sollen. Sie kehren bei Rahab ein. Bei einer Prostituierten? Erwarten sie dort nützliche Informationen, weil diese Frau sicher viel von ihren Kunden zu hören bekommt? Oder finden die beiden, sie könnten sich erstmal vergnügen?
Der Herrscher der Stadt hat von der Sache Wind bekommen und fordert Rahab auf, die Männer herauszugeben. Sie aber versteckt sie und lässt sie in der Nacht mit einem roten Seil aus dem Fenster und an der Stadtmauer herabklettern und entkommen. Warum hat Rahab ein rotes Seil? Rote Farbe war damals sehr teuer. Ist es ihr Signal für potentielle Kunden – gut sichtbar und auch hilfreich, weil man nicht für alle erkennbar durch die Haustür ein- und ausgehen muss, sondern von hinten an der Stadtmauer hochklettern und durchs Fenster einsteigen kann?
Jetzt aber wird es zum Rettungsseil für die Kundschafter. Und etwas später auch für Rahab und ihre Familie. Denn Israel erobert die Stadt, aber Rahab und die ihrigen werden verschont. Als Schutzzeichen dient das herausgehängte rote Seil. So wird aus dem Signal für Rahabs Kunden ein Zeichen der Rettung und Bewahrung. Und eine anstössige Frau wird hier zur höchst autonom handelnden Heilsfigur!

Die Künstlerin Vera Staub hat vergangenes Jahr in einer installativen Arbeit in der Kirche Wassen ein rotes, leuchtendes Seil am Kirchturm aufgehängt. Sie bezog sich dabei auf die Rahab-Erzählung.
Eine Vision von Kirche als Schutzraum, wo ich aufgehoben bin? Wo ich Hilfe erhalte?
Unbedingt!
Abb: Vera Staub, rot-rot-rot, Pfarrkirche St. Gallus, Wassen, Schweiz, 2024. Foto: Peter Diem