Scheitern, das befreit
Am 18. Juni 1815 endete auf den Feldern von Waterloo der Traum Napoleons von absoluter Macht. Es war sein endgültiger Sturz ins Bodenlose. Wir alle kennen solche persönlichen „Waterloo“-Momente, in denen Lebensentwürfe zerbrechen, Beziehungen scheitern oder wir schmerzhaft an unsere eigenen Grenzen stossen. Doch in der Stille, die auf einen solchen Zusammenbruch folgt, liegt oft der Keim für eine tiefe spirituelle Entwicklung. Erst wenn unser Ego kapituliert und die Illusion der totalen Kontrolle verliert, entsteht in uns Raum für das wirklich Wesentliche.
Die Bibel hält für diese Krisen ein tröstendes Wort bereit:
„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt besiegt.“
(Johannes 16,33)
Ein Vers von radikaler Ambivalenz. Er klingt zunächst nach einem triumphalen, fast militärischen Sieg. Doch Jesus spricht diese Worte in den Abschiedsreden kurz vor seiner Verhaftung. Derjenige, der hier verkündet, die Welt überwunden zu haben, wird nur wenige Stunden später ohnmächtig, verspottet und von allen verlassen am Kreuz sterben.

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Was bedeutet es also, dass ausgerechnet der Gekreuzigte siegt? Es ist kein Triumph nach den imperialen Regeln dieser Welt. Für Christus bedeutet Sieg das grosse Paradox, dass Gott genau dort anwesend ist, wo wir am tiefsten scheitern. Er unterwirft die Welt und unsere Herzen nicht mit Gewalt wie einst Napoleon, sondern er verwandelt das Leid von innen heraus, indem er es mitleidet und trägt. Das nimmt uns nicht jeden Schmerz, aber es schenkt uns die Gewissheit: Wo wir am Ende sind, fängt Gott erst an.
Gehen Sie getrost in diesen Tag – im Wissen, dass auch Ihr persönliches Scheitern in einer grösseren Liebe aufgehoben ist.