Schmerzen Mariens
Heute begeht die katholische Kirche ein Fest, das auf den ersten Blick fast aus der Zeit gefallen wirkt: das Gedächtnis der Schmerzen Mariens. Es erinnert an das Leid, das Maria als Mutter Jesu ertragen musste – von der Flucht nach Ägypten bis hin zum Tod ihres Sohnes am Kreuz. Traditionell spricht man von sieben Schmerzen, die Marias Herz durchbohrten. Viele Darstellungen, auf denen sie als Schmerzensmutter zu sehen ist, zeigen sie mit sieben Schwertern in der Brust, genau dort, wo die Liebe wohnt.
Doch dieses alte Bild hat auch heute noch Kraft. Denn Maria steht sinnbildlich für das Leid aller Mütter, damals wie heute. Ihr Schmerz ist universell. Auch heute stehen Mütter unter dem Kreuz; nicht auf Golgotha, aber in den Trümmern von Mariupol, in den Ruinen von Gaza, in den abgeschotteten Häusern Kabuls, in den Flüchtlingslagern dieser Welt. Sie halten ihre hungernden, kranken oder traumatisierten Kinder im Arm oder haben nur noch Fotos oder Erinnerungen, die ihnen geblieben sind. Statt Engelsbotschaften hören sie Sirenen, Drohnen, Explosionen, Schüsse. Kein Schwert durchbohrt ihr Herz, aber dafür Angst, Verlust, Gewalt.
Maria lief nicht davon. Sie blieb bei ihrem Sohn Jesus. Genau das verbindet sie mit den Müttern von heute. Auch sie halten für ihre Kinder durch. Sie glauben weiter, obwohl alles dagegenspricht. Sie lieben, obwohl sie Abschied nehmen müssen. Sie kämpfen, obwohl sie längst am Ende sind. Wenn wir heute der Schmerzen Mariens gedenken, dann ehren wir nicht nur ihr Leid, sondern auch das unermessliche Leid all jener Mütter, die heute (jetzt, in diesem Moment!) ihre Kinder unter schwersten Bedingungen grossziehen oder gar verlieren. Ihr Schmerz darf uns nicht unberührt lassen. Er ruft uns zum Mitgefühl und zum Handeln auf; zu helfen, zu spenden, zu beten, hinzusehen und ihnen eine Stimme zu geben.
