Schopenhauers Stachelschweine
Kennen Sie das Bild von Schopenhauers Stachelschweinen? Der Philosoph versucht anhand des Verhaltens dieser Nagetiere den guten Umgang mit Nähe und Distanz zu beschreiben. Seine Gedanken gehen folgendermassen: Eine Gruppe von Stachelschweinen rückt im kalten Winter zusammen, um sich zu wärmen und sich vor dem Erfrieren zu schützen – und piekst sich dabei. Autsch! Also gehen sie wieder auseinander und frieren. Und so kommt es zu einem ewigen Hin und Her, bis die Stachelschweine die perfekte Entfernung finden, in der sie weder frieren noch sich mit ihren Stacheln wehtun. Ihr Verhalten weist eine ziemliche Ähnlichkeit zum menschlichen Miteinander auf. Wir sehnen uns auf der einen Seite nach Nähe, nach Wärme, nach echten Beziehungen. Und kaum wird es enger, zwickt es: ein falsches Wort, ein schräger Blick, ein Missverständnis, alter Schmerz. Schon brauchen wir wieder Abstand.
Ich finde, dass Jesus da ein wunderbares Beispiel abgegeben hat. Er hatte keine Angst vor Nähe. Er ass mit Zöllnern, fasste kranke Menschen an (damals ein absolutes No-Go), schloss Kinder in seine Arme und begab sich mitten in Menschenmengen. Und gleichzeitig ging er immer wieder auf Distanz zu den Menschen, um zu beten und aufzutanken. Nähe ja, aber nicht um jeden Preis. Sowohl Jesus als auch Schopenhauer machen deutlich: Ein gutes Miteinander bedeutet nicht, sich ständig aneinanderzuklammern. Manchmal ist Abstand genau das, was Beziehung braucht. Echte Nähe wächst dort, wo wir Menschen einander Raum lassen. So macht es auch Gott, denn er gibt seinen Menschen viel Freiraum. Wie heisst es in Psalm 31,9b so schön? «Du stellst meine Füsse auf weiten Raum.» Und trotzdem ist uns Gott auch im weiten Raum ganz nahe.
