Schwarz-weiss
Kürzlich war ich wieder einmal in dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin.
Ein Ausstellung zeigte Bilder des Aufrichtefestes der neu erbauten Kirche. Ich erinnerte mich, dass wir als Familie dabei waren. Das war in den 60er-Jahren. Ich war ein Kind.
Also suchte ich die Fotografien ab. Waren ich oder mir Bekannte irgendwo zu entdecken? Ich fand uns nicht. Aber eine eigenartige Fremdheit beschlich mich. Diese steifen Herren in dunklen Mänteln und biederen Hüten; diese Frauen in adrett-braven Kleidern – die schienen mir aus einer anderen Welt zu stammen. Mit denen hatte ich doch nichts gemein. Ich sollte damals tatsächlich gelebt haben?
„April, April“ rufen mir die Fotos zu. „Trugt ihr denn alle schwarze, graue oder weisse Kleider? Und war eure Haut nicht rosa, anstatt milchig-grau? Wurde nicht geredet, an dem Fest? Habt ihr als Kinder nicht gelacht und seid herumgerannt?
Wir sind doch bloss Fotografien; Schwarz-Weiss-Fotografien, die den Moment einfrieren und ihm den Klang und die Farben stehlen. Wir sind Bilder, die einen Ausschnitt aus der Vergangenheit zeigen. Aber wir sind nicht die Vergangenheit.“
Nun musste ich über mich lachen. Die Fotografien hatten natürlich recht. Meine Vergangenheit ist ein Mix aus Erinnerungsfetzen, gefärbt durch spätere Gespräche über diese Momente, aus Dokumenten wie Fotografien, die die Dinge auf eine ganz bestimmte Weise darstellen, und aus meiner aktuellen Verfassung. Ich konstruiere meine Vergangenheit laufend und immer jetzt, in der Gegenwart.
Daran will ich auch zu denken versuchen, wenn ich mit Menschen über ihr Leben rede: Im Zentrum steht nicht, was einmal war, sondern wie sie heute davon erzählen. Unser Leben findet immer in der Gegenwart statt.
Foto: Lisa, Pexels Curation Team. https://www.pexels.com/de-de/@fotios-photos/
