Seinsverbunden – Seinsvergessen

Als Gott das Engadin schuf, meinte er nach getanem Werk: «Heute ist mir ein Streich gelungen!». Diesen Spruch wiederhole ich gebetsmühlenartig, wann immer ich einige Tage im Engadin weile. Ein ähnlich schwärmerisches Gefühl überkommt mich jeweils auch beim Besuch jenes Saales im St. Moritzer Segantini Museum, wo Giovanni Segantinis atemberaubendes Triptychon La natura, La Vita und La Morte zu bewundern ist.

La Natura, mit den Massen 235 x 400 cm das größte der drei Gemälde, entstand auf dem Schafberg oberhalb Pontresinas. Es zeigt die Heimkehr eines Bauernpaars mit ihrem Vieh im letzten Tageslicht. Natur, Mensch und Tier bilden eine in stillen Frieden gehüllte Einheit. Das Bild betört durch seine unvergleichliche Leuchtkraft. In ihm tritt die innere Verbundenheit aller Dinge und Ereignisse in einzigartiger Ausdruckskraft zu Tage. Der Himmel, die Erde, die Luft, die Berge, die Steine, die Gräser, das Vieh, der Mensch – alle Dinge erscheinen noch durchglüht von der Lichtkraft der untergegangenen Sonne. Abendruhe legt sich sanft über die Dinge.

Tier und Mensch, obwohl in Bewegung, scheinen still zu stehen, ganz in sich zu ruhen. Gedankenversunken, oder jenseits aller Gedanken ganz eins mit sich und allem Sein? Jedenfalls tief und fest gegründet in sich selbst. In ihrem Sich-Einfügen in die Gesamtordnung überantworten sie sich ganz dem, was ist. Was Mystiker aller Zeiten und Zonen als Voraussetzung auf dem Weg zur Gotteserfahrung schildern, nämlich Seinsverbundenheit und Selbstvergessenheit, das verkörpern Segantinis Menschen geradezu idealtypisch. Sie erscheinen seinsvergessen, weil sie seinsverbunden sind, und seinsverbunden, weil sie seinsvergessen sind. 

Kurz nach Fertigstellung dieses grandiosen Gemäldes ereilte Giovanni Segantini am 28. September 1899 im Alter von erst 41 Jahren am Entstehungsort des Bildes auf dem Schafberg der Tod. Seine letzten Worte: Voglio vedere le mie montagne! Ich will auf meine Berge blicken.

Bildquelle: wikimedia