Sitzenbleiben
Es gibt wenige Menschen, die ihren ganzen Tag mit Tramfahren verbringen. Fredy war einer von ihnen. Seit seine Frau verstorben war und seine Freunde alle Grosseltern geworden waren, stieg er frühmorgens in den 13-er an der Haltestelle unten an der Strasse seines Wohnblocks, setzte sich auf den erstbesten Platz und blieb bis zur Endstation sitzen. Dort wartete bis das Tram sich in die andere Richtung wieder in Bewegung setzte. So liess er sich von Endstation zu Endstation fahren, immer hin und her, bis zum Dienstschluss.

| Adventslicht beim Weihnachtsmarkt (Bild: Christian Walti) |
Wenn das Tram bei einem Signal stand oder auf einen Anschluss wartete, blickte er manchmal länger einigen Passanten zu. Aber er wusste nicht, was er dort draussen zu suchen hätte. Und wenn sich jemand neben ihn oder in dieselbe Reihe wie er setzte, sagte er manchmal «Grüezi» oder «’Fwiederseh». Aber er selbst blieb sitzen. Ihm fehlte die Motivation, ein Ziel, ein Antrieb, um überhaupt etwas anderes zu tun als sich fahren zu lassen.
Der Advent ist eine spirituelle Wartezeit, dafür steht die Farbe violett. Adventskalender, Adventskränze, Lieder und Lichtfeiern zielen alle darauf hin, eine Erwartungshaltung in uns zu wecken. Während wir uns im Alltag oft treiben lassen von Aufgaben und Vorgaben, von da nach dort hin-und-herpendeln, erzeugt der Advent eine Spannung über den Alltag hinaus. Wir bleiben nicht sitzen, sondern warten darauf, dass wir endlich ankommen.
Auch Fredy kommt an. Der Hunger oder ein allzumenschliches Bedürfnis gibt ihm den Schubs, bei einem belebten Platz auszusteigen und in ein Café zu gehen. Die Kellnerin kennt ihn und bringt ihm ungefragt einen Milchkaffee. Es gibt mich also noch, denkt er. Die Tasse ist halbvoll als er aufsteht und sagt «ich mues hei» und bezahlt. Morgen vielleicht wird er das nicht nur sagen, sondern auch meinen.