Sommerambivalenz
Es gibt diese eigentümliche Zeit im Jahr, in der die Tage langsam wieder kürzer werden – bald, ab dem 22. Juni ist es wieder so weit – und man trotzdem das Gefühl hat, der Sommer beginne erst jetzt erst wirklich.
Die Luft wird weicher. Die Abende im Gefühl länger. Das Licht bekommt Tiefe. Und irgendwo zwischen Sonnencrème, warmem Stein und dem leuchtenden Rot von Wassermelonen liegt plötzlich etwas, das schwer zu benennen ist: eine stille Mischung aus Vorfreude und Abschied.
Vielleicht ist das Leben genau so. Kaum haben wir etwas erreicht, merken wir schon, dass es vergänglich ist. Kaum öffnen wir uns einer Schönheit, spüren wir gleichzeitig ihre Zerbrechlichkeit. Und dennoch hören wir nicht auf, uns zu freuen. Wir lieben trotzdem. Wir beginnen trotzdem. Wir setzen uns trotzdem noch einmal in die Abendsonne. Im Wissen, dass Gott nicht nur im Bleibenden wohnt, sondern gerade auch in den Übergängen. In diesem leisen Ziehen des Herzens, wenn etwas noch da ist und gleichzeitig schon beginnt, sich zu verwandeln. Der Glaube bewahrt uns nicht davor, dass Dinge vergehen. Aber vielleicht hilft er uns, die Vergänglichkeit nicht nur als Verlust zu sehen, sondern als Bewegung. Wie das Licht, wenn der Hochsommer sich zu verabschieden beginnt. Es wird weniger – und gleichzeitig kostbarer.
Das Leben, die Liebe – etwas festhalten wollen und es trotzdem frei lassen. (ve)
