Sprung ins eigene Element
Ein junges Entlein steht an der Kante eines befestigten Quais und äugt hinunter auf das Wasser des Sees, welches sich in einiger Entfernung unter ihm befindet. Soll es springen oder nicht? Einerseits wird das Vögelchen vom Wasser angezogen, schliesslich ist es sein Element. Andererseits spürt man seine Unsicherheit: Was wird passieren? Wird es heil unten ankommen?
Dieses Bild weckt eine alte Erinnerung, die ungefähr dreissig Jahre zurückliegt. Während einer Weiterbildung in Luzern genoss ich einen freien Nachmittag und besuchte das berühmte Löwendenkmal. Im Teich davor tummelte sich ein gutes Dutzend Entenküken mit seiner Mutter. Noch während ich die beschauliche Szene betrachtete, stieg die Mutterente aus dem Teich und setzte sich Richtung See in Bewegung. Die Kleinen kraxelten mit einiger Mühe ebenfalls aus dem Wasser und reihten sich hinter der Mutter auf. Sogleich bildete sich eine Gruppe von Menschen um die watschelnde Prozession, begleite sie durch die Strassen, wo nötig wurden Autos angehalten und Hindernisse aus dem Weg geräumt. Am Quai segelte die Ente elegant in den See und rief ihre Kinder, die sich nun eins nach dem anderen unbeholfen ins Wasser unter ihnen plumpsen liessen. Ein Entlein aber brauchte eine ganze Weile, bis es all seinen Mut zusammennahm und den Sprung wagte.
Blicke ich auf das Erlebnis zurück, so finde ich Anklänge an meine heutige Aufgabe als Seelsorger. Ich begleite für eine Weile Personen, die sich in ungewohnten Situationen bewegen, manchmal kann ich sie auf Hindernisse aufmerksam machen und sie immer wieder ermutigen, den Sprung in das eigene Element zu tun. Letzteres kann ich ihnen nicht abnehmen, und wenn sie es gewagt haben, dann ist die Zeit gekommen, sie ziehen zu lassen.
