Stadtende

Die leuchtenden Farben der Häuser bilden einen starken Kontrast zur finsteren Umgebung. Wie verloren in einer dunklen Leere wirkt die Stadt auf dem Bild von Egon Schiele. Und die Menschlein links scheinen sich am Rand eines Abgrundes zu befinden. Stürzen einige von ihnen nicht auch bereits?

Das Werk trägt den Titel «Stadtende» und wurde 1918 geschaffen, im letzten Jahr des 1. Weltkrieges also, und im letzten Lebensjahr des Malers.

Mit diesem Krieg war die vertraute Ordnung des 19. Jahrhunderts radikal zusammengebrochen. Diese Atmosphäre des Untergangs, des Endes scheint im Bild spürbar.
Und es ist erschreckend, wie nahe es damit am Lebensgefühl unserer Gegenwart ist.
Gerade erleben wir, wie die mühsam aufgebaute Friedensordnung der Staatenwelt vor unseren Augen zerbröselt. Bündnisse werden gebrochen, Länder überfallen, und Städte erleben tatsächlich ihr Ende: in Gaza z.B., oder in der Ukraine. Das Gefühl, gleich am Rand unserer noch farbigen und sicheren Welt drohe der Abgrund, ist mehr als berechtigt.

Und die Hoffnung des Glaubens, dass in solcher Welt Gott am Wirken ist und wir nicht verloren sind, erscheint dann billig und kann einen kaum erreichen. So fern jeglicher erlebten Wirklichkeit scheint das.

Aber vielleicht sind Hoffnung und Trost schon immer fremde Geschwister gewesen, die in der Welt einen schweren Stand und einen schwachen Halt haben. Vielleicht sind die beiden immer nur gegen den Augenschein zu haben, als etwas, das sich trotzig in der tristen Gegenwart verhakt und Widerspruch wagt. Dass ich am Grund des Abgrunds aufgefangen werde, dass es jenseits all der Zerstörung Neuanfang geben kann, dass nicht alles zerbricht, sondern einiges gerettet werden kann – darauf deutet wenig, vielleicht nichts hin. Aber das, was in mir glaubt, versucht, daran festzuhalten.

Abb: Egon Schiele, Stadtende, 1918, Neue Galerie Graz, Österreich